Climate-KIC sucht permanent nach skalierbaren Geschäftsideen mit klimaschützender Wirkung und unterstützt Cleantech-Gründer im wachstumsbeschleunigenden “Accelerator”. Wie aber kommt man auf innovative Ideen? Die Antworten des Neurowissenschaftlers Gerald Hüther sind für alle interessant, die dem Geheimnis von Innovationskraft auf die Schliche kommen wollen.

Was macht Menschen innovativ?

Innovativ ist jeder Mensch, der nicht unterwegs verloren hat, was ihm als Kind schon mit in die Wiege gelegt wurde, nämlich diese wahnsinnige Entdeckerfreude und Gestaltungslust. Das heißt, man muss nicht innovativ werden, sondern man müsste irgendwie Glück haben, dass man seine Innovationskraft und damit seine Gestaltungskraft nicht unterwegs verliert.

Was aber, wenn sie verloren gegangen ist: Mit welcher Haltung oder Einstellung kann man seine Innovationskraft wiederentdecken?

Die ist nicht ganz weg. Sie zählt zu den frühen Erfahrungen, die man als Kind gemacht hat, als man noch selbst der Gestalter seines eigenen Entwicklungsprozesses gewesen ist und aus sich selbst heraus Fähigkeiten wie das Laufen, das Sprechen oder das Fahrradfahren gelernt hat. Und damals hat man ja gemerkt, dass man das kann. Und das ist im Hirn tief verankert. Das heißt, jeder weiß im Innersten, was kreativ sein bedeutet und wie viel Freude es macht.

Und wenn das jemand unterwegs verloren hat und sich mit anderen Strategien versucht durchzuwurschteln, dann kann man einem solchen Menschen zu jedem Zeitpunkt des Lebens, egal wie alt er schon geworden ist, eine Gelegenheit bieten, wo er das wieder entdeckt. Mit anderen Worten, Sie oder er  müsste eine andere Erfahrung machen.

Die ursprünglich Erfahrung hieß: „Ich bin ein Mensch, der immer wieder gute Ideen hat.“ Dann kam die zweite große Erfahrung, in der Mitte, also ab Schulbesuch meistens: „Ich bin ein Mensch, der irgendwie durchkommen muss und der das machen muss, was andere von mir verlangen.“ Und manchmal bleibt man sehr lange in dieser Haltung stecken; es ist dann eine innere Einstellung geworden.

So eine innere Einstellung kann man nicht ändern, indem man auf jemanden einredet. Man kann  auch niemand zwingen, diese Einstellung zu ändern, sondern das geht jetzt nur über eine neue Erfahrung. Zu der kann man ihn auch nicht zwingen, man  müsste  ihm eine Chance geben, dass er diese Erfahrung machen kann. Das macht man im Allgemeinen, indem man einen Erfahrungsraum baut, in dem das plötzlich wieder geht, oder im Kontakt, indem man ihn einlädt und ermutigt und, wenn‘s geht, auch inspiriert. Und dann würde so ein Mensch plötzlich nochmal anfangen, Lust zu kriegen, sich selber was auszudenken. Mit dem Ergebnis, dass das dann mit einer entsprechenden Begleitung meistens auch klappt; und dann kriegt er wieder Zugang zu diesen schon vorhandenen alten Netzwerken.

Das ist ein sehr beglückendes Gefühl, wenn man plötzlich merkt, das muss nicht das ganze Leben lang jetzt so weitergehen, sondern da krieg’ ich wieder Kontakt mit dem, was mich ursprünglich mal ausgemacht hat, was mir damals auch viel Freude gemacht hat und was unterwegs irgendwie verschwunden ist. Dann wird er wieder neugierig auf das, was noch alles so gehen könnte. Dann haben Sie ihn wiedererweckt.

Wie ist das bei einem Thema wie dem Klimaschutz, das man richtig sinnvoll findet. Ändert das etwas am Innovationsprozess?

Wenn ich in einer inneren Verfassung bin, dass ich gar nicht weiß, wofür ich mich einsetzen soll, wenn mir alles mehr oder weniger egal ist, dann kriege ich überhaupt keine kreativen Ideen. Ich müsste also an  irgendeiner Stelle ein Defizit sehen in meiner Lebenswelt und dazu beitragen wollen, dass dieses Defizit überwunden werden kann. Das ist die Voraussetzung dafür, dass man sich überhaupt anstrengt. Deshalb ist es vielleicht das Allerwichtigste, dass man erst mal dieses Motiv für sich selbst findet, von dem man dann überzeugt ist, dass es lohnt, sich dafür einzusetzen. Wenn Leute so ein Motiv haben, brauchen die erfahrungsgemäß keinen Motivationstrainer und auch keinen Kreativitätstrainer.

Die Start-ups wollen auch Geld verdienen. Ändert sich der Innovationsprozess durch die Gewinnerzielungs-Absicht?

Dass ein Unternehmen seine eigene Existenz sichern muss, ist eine Selbstverständlichkeit, und deshalb ist das auch in Ordnung, dass man da Geld verdienen muss. Wenn das Geldverdienen aber zum ersten Motiv wird, dann sollte so jemand  lieber Börsenmakler  werden, dann geht das schneller. Es gibt ja genügend  Bereiche, in denen sich wesentlich schneller und wesentlich effizienter Geld verdienen lässt als mit einem Start-Up.

Meiner Erfahrung nach fließen die Ideen wieder, wenn man einfach mal aus den Routinen ausbricht und etwas ganz anderes macht. Wie würden Sie das erklären?

Genau. Wenn man dann aus diesen Routinen tatsächlich durch eine Einladung, Ermutigung und Inspiration plötzlich wieder einen Erfahrungsraum findet, in dem man merkt, man kann doch etwas gestalten. Es ist wichtig, dass man sich darüber klar wird, dass der Innovationsprozess im Grunde ein kreativer Prozess ist.

Kreative Prozesse gehen nicht unter Druck. Sobald Druck herrscht – Leistungsdruck, Konkurrenzdruck, Termindruck, irgendwelcher anderer Druck – ist es automatisch so, dass sich im Hirn alle Netzwerke und die dort verankerten Leistungen und Fähigkeiten darauf fokussieren, den Druck loszuwerden. Dann ist man in einem Zustand fokussierter Aufmerksamkeit. Alles dreht sich nur noch um die Frage, wie komme ich am schnellsten aus dem Druck raus. Das ist für Kreativität völlig ungeeignet. Erst wenn es  einem Menschen gelingt, vorübergehend in einen Zustand zu kommen, wo dieser Druck weg ist, fängt das Hirn an, kreative Ideen zu entwickeln. Das hängt damit zusammen, dass  im Hirn, um eine wirklich kreative neue Idee zu entwickeln, unterschiedliche Netzwerke gleichzeitig aktiviert werden  müssen.  Wenn das der Fall ist, dann würden die Hirnforscher sagen, dass es an sehr vielen Stellen in ihrem Hirn leuchtet. Das Leuchten ist immer Ausdruck der Aktivierung dieser betreffenden Netzwerke. Nur unter diesen Bedingungen kann das Wunder geschehen, dass plötzlich Dinge, die in verschiedenen Netzwerken verankert sind, miteinander in Kontakt kommen. Dann stellen Sie plötzlich fest, dass etwas zusammenpasst, was Sie bisher nie für möglich gehalten hatten. Das ist dann eine Innovation. Das ist dann kreativ, da haben Sie etwas  gefunden, was neu ist.

Wir Danken Gerald Hüther für das Interview. Im zweiten Teil, den wir nächste Woche veröffentlichen, geht es um das Geheimnis der Gründerkultur und Gründe dafür, weshalb Start-ups ihre Kreativität im Wachstumsprozess verlieren können.