Seit der Gründung des Climate-KIC Accelerators im Jahr 2010 haben wir über 60 Start-ups gefördert. Nicht jedes Jungunternehmen schafft es, am Markt zu überleben. Im Schnitt wird nur eines von zehn Startups richtig groß. Wie sieht es bei unseren Alumni-Start-ups aus? Was machen die Entrepreneure und Businesskonzepte, die wir bis zu 18 Monate im Accelerator gefördert haben? Wir haben bei Matthias Meiner, Mitgründer von Lilium Aviation, nachgefragt:

Was steckt hinter Lilium? Was ist euer Geschäftskonzept?

Lilium Jet StartWir entwickeln den ersten komplett elektrisch betriebenen, senkrecht startenden Jet der Welt. Durch die Senkrechtstart- und Landefähigkeit braucht er keine Start- und Landebahn sondern kann dank seiner schwenkbaren Elektrotriebwerke auch auf Dächern hoher Gebäude, auf Parkhäusern oder auf einer Wiese am Ortsrand starten und landen. Im Prinzip überall dort, wo es ein Helikopter könnte aber aus Lärmschutzgründen nicht darf. Wir haben daher ein Elektrotriebwerk entwickelt, das in Sachen Lärmemission und Effizienz völlig neue Maßstäbe setzt, wodurch der Jet beim Start nicht viel lauter sein wird als ein Motorrad. Auch im Flug ist der Lilium Jet extrem effizient, er verbraucht auf gleicher Strecke im Vergleich zu einem heutigen Elektroauto nur die Hälfte der Energie. Durch diese Effizienz ist es möglich mit einer Geschwindigkeit von 300 km/h rein elektrisch bis zu 500 km weit zu fliegen.

In das geräumige Cockpit passen zwei Personen. Die Handhabung des Lilium Jets ist durch die computergestützte Steuerung intuitiv und leicht erlernbar und da wir ihn als Ultraleicht-Flugzeug zulassen, benötigt der entsprechende Flugschein nur in etwa denselben Aufwand wie ein Autoführerschein.

Da arbeitet ihr ja an einer wirklich disruptiven Innovation. Wie sieht der Markt in diesem Bereich überhaupt aus? Wer sind eure potenziellen Kunden?

Lilium Jet in der NaturZunächst werden das hauptsächlich Sportpiloten, flugbegeisterte Businessreisende und Greentech-Pioniere sein. Menschen die heute Tesla fahren, weil sie ein Teil der elektromobilen Zukunft sein wollen. Wir haben beispielsweise im Silicon Valley viele Menschen getroffen, die täglich über 2 Stunden im Verkehr von und nach San Francisco stecken und uns den Jet sofort abgekauft hätten. Besonderes Potential besteht vor allem in stark wachsenden Städten, in denen der Straßenverkehr unter der steigenden Belastung regelmäßig zusammenbricht. In Sao Paolo ist es beispielsweise unter Geschäftsleuten schon heute Gang und Gebe mit dem Helikopter von Termin zu Termin zu fliegen. Täglich werden dort über 700 Flüge über zahlreiche Shuttle-Dienstleister abgewickelt. Das größte Problem, das diese Flut an Hubschraubern der Stadt beschert, ist die enorme Lärmbelastung. Der Lilium-Jet bietet hier nicht nur deutlich geringere Betriebskosten und einen Bruchteil der Lärmessionen, sondern auch den Passagieren eine erheblich komfortablere Reise als in den lauten, vibrierenden Helikoptern.

Auch im Rest der Welt werden sich Lufttaxi- und Shuttle-Dienste entwickeln, die dank der Flexibilität des Elektrosenkrechts völlig neue Märkte erschließen können, weiter gedacht ein Uber für die Luft sozusagen.

Langfristig ist unser Ziel mit steigenden Stückzahlen den Preis soweit zu senken dass jeder Autofahrer ein potentieller Kunde ist.

Ihr wart von Oktober 2014 bis September 2015 im Climate-KIC Accelerator. Was habt ihr aus der Zeit bei Climate-KIC mitgenommen? Welche Herausforderungen hattet ihr? Wie haben wir euch unterstützen können?

Lilium Jet auf der StraßeDie größte Herausforderung am Anfang war natürlich eine schnelle Finanzierung zu bekommen damit wir uns alle Vollzeit in das Projekt stürzen konnten. Dabei haben uns die Stipendien und das Prototypen Geld von Climate KIC sehr geholfen. Außerdem waren die Trainings, vor allem die Pitchtrainings in Berlin extrem hilfreich. Ohne diese wäre unser Pitch Deck heute sicher nicht das was es ist und der Investorenkontakt nun deutlich schwieriger. Schön war auch der Kontakt zu den anderen Startup-Teams, hier ergaben sich nicht nur nette Bekanntschaften sondern auch ein wertvoller Austausch von Erfahrungen.

Wie hat sich euer noch sehr junges Unternehmen bisher entwickelt? Welche Erfolge konntet ihr bereits erzielen?

Natürlich waren die Aufnahmen in den Climate KIC Accelerator und den Business Inkubator der ESA große Erfolge für uns. Auf der technischen Seite haben wir erfolgreich diverse Prototypen in kleineren Maßstäben in die Luft gebracht und daran das aerodynamische Konzept sowie die Flugsteuerung validieren können.

Ein Flugzeug ist in der Entwicklung und auch später in der Herstellung sicherlich nicht gerade günstig. Wie finanziert ihr euch?

Momentan finanzieren wir uns zu etwa gleichen Teilen sowohl privat als auch mit den öffentlichen Förderprogrammen Climate KIC und ESA Business Incubation. Bald steht aber auch eine größere Seedrunde mit Investoren an.

Wie sehen eure Pläne für die Zukunft aus? Wann soll der Lilium-Jet auf den Markt kommen und was ist bis dahin noch zu tun?

Auf den Markt kommen soll der Lilium Jet 2019. Bis dahin werden wir noch einige Prototypen bauen, den ersten 1:1 Prototypen im nächsten Jahr. Außerdem ist die Zulassung ein wichtiger Schritt und natürlich der Aufbau einer Fertigung mit den entsprechenden Partnern.

Vielen Dank, Matthias, für die interessanten Einblicke!