Während der Cleantech-Markt für Start-ups wächst, boomen finanztechnische „Fintech“-Gründungen. Bislang steigen die Investitionen in die durch Climate-KIC geförderten Start-ups Jahr für Jahr signifikant. Nach dem Handel zählt der Green-Economy Gründungsmonitor 2015 des Borderstep-Instituts die Green Economy mit 17,3 % aller Gründungen zum zweitwichtigsten Sektor. Etwa 1.000 befragte Start-ups stellten ebenfalls Wachstum fest – jedoch in kleineren Dimensionen: Vergleicht man den Deutschen-Start-up Monitor 2015 mit dem Vorjahr, dann ist der Anteil von Start-ups, die sich selbst dem Bereich „grüne Technologie“ zuordnen, von 2,4% auf 4,4% gestiegen.

Mit Statistiken und Zuordnungen zur Finanztechnologie-Branche ist es auch nicht einfacher, wie ein Bericht des Handelsblattes offenbart. Die Managementberatung Accenture attestierte der Branche in ihrer Fintech-Studie ein rasantes Wachstum. In Europa haben sich die Investitionen von 2014 auf 2015 nahezu verdoppelt. Global summierten sich im ersten Quartal dieses Jahres die Start-up-Investitionen auf 5,3 Milliarden US-Dollar.

Können wir uns diesen dynamischen Trend beim Aufbau einer Green Economy zunutze machen?

Schnittmengen: Blockchain und die Digitalisierung der Energiewende

Eine Schnittmenge von Cleantech und Fintech ist die „Blockchain“. Zugegeben, sie klingt abstrakt. Jedoch wird Blockchain als Megatrend im Rahmen der Digitalisierung der Energiewende gehandelt. Gründer WiWo sieht die Digitalisierung selbst bereits als große Chance. Mit Blockchain kann beispielsweise leicht Solarstrom in der Nachbarschaft gehandelt werden. Die Definition der Verbraucherzentrale NRW lautet:

„Die Blockchain-Technologie als innovatives Verfahren der Datenspeicherung und -validierung kommt im Finanzbereich bereits seit einiger Zeit zum Einsatz. Die bekanntesten Anwendungen sind die Kryptowährungen „Bitcoin“ und „Ethereum“.“

Wer die Studie der Verbraucherzentrale NRW e.V. liest, ahnt das Potenzial:

„So ist (mit Blockchain) theoretisch etwa ein Markt der Energieerzeugung und -belieferung darstellbar, in dem die Rolle der Energieversorger als Zwischenhändler überflüssig wird. Verbraucher könnten Strom und Wärme über automatisierte Prozesse, so genannte Smart Contracts, direkt bei den Energieerzeugern beziehen. Umgekehrt könnten Prosumer selbst erzeugte Energie direkt an andere Verbraucher vermarkten. Und auch bei der Netzsteuerung oder bei Abrechnungsprozessen könnte die Blockchain Vorteile gegenüber den aktuellen Verfahren haben.“

Im Fintech-Bereich zählt Barkow Consulting etwa 10 deutsche Start-ups in den Bereich „Bitcoin und Blockchain“. Davon haben natürlich nicht alle etwas mit dezentral erzeugter und gehandelter erneuerbarer Energie zu tun.

Doppelte Chancen für Hybrid-Start-ups

Kann die Cleantech-Szene davon profitieren? Ja! Und zwar dann, wenn man ein Schnittstellen-Geschäftsmodell entwickelt. Wenn man sowohl das Eine als auch das Andere ist, steigen theoretisch die Chancen gegenüber Investoren. Es handelt sich also um einen strategischen Vorteil bei der immerwährend harten Suche nach Investoren.

Insgeheim würde ich mir davon erhoffen, dass Cleantech in der Finanzwirtschaft eine hohe Klimaschutzwirkung haben könnte – soweit die Theorie. Wie sieht es in der Praxis aus?

Mit CARBON DELTA gibt es bereits ein Fintech-Cleantech–Start-up

Carbon Delta

Oliver Marchand, CEO CARBON DELTA

Mit dem Gründer und CEO des im Schweizer Climate-KIC Accelerator geförderten Start-ups CARBON DELTA, Dr. Oliver Marchand, konnte ich am Telefon sprechen. Sein Unternehmen selbst ist ein solches Mehrfachtalent, welches Elemente aus den Bereichen Fintech und Cleantech auf sich vereint. Startupticker.ch beschreibt CARBON DELTA treffend:

„Das Unternehmen entwickelt Carbon Rating Modelle, welche ökonomische Risiken von Klimaveränderungen auf Firmenwerte berechnen. Analysten und Investoren können die Ratings als Faktor in ihre Analysen integrieren.“

Die Schnittmenge zwischen Fintech und Cleantech sei relativ selten und exotisch. In der Schweiz gibt es zwischen den Segmenten bereits einen Austausch:

„In der Schweiz loten wir derzeit Schnittstellen-Potenziale mit Fintech- und Cleantech-Experten aus.“

Noch sei es unklar, wo die besten Synergien liegen. Bislang sieht Oliver insbesondere Kooperationsmöglichkeiten mit Investmentportalen, die ebenfalls Daten zu Energie- und Klima-Risiken gebrauchen können und glaubt, dass es viele wechselseitig befruchtende Zusammenhänge geben kann.

Natürlich habe ich Oliver auch nach der Klimawirksamkeit gefragt.

„In der Finanzwirtschaft kann der Hebel besonders groß sein. Es gibt jedoch keine strikte Korrelation zwischen klimafreundlichen und klimasicheren Investitionen.“

Man müsse nicht nur CO2-Emission anschauen, sondern die gesamte Wertschöpfungskette und deren geografische Position. Dennoch ließe sich vereinfacht sagen, dass derjenige, welcher viel Klima-Impact verursacht, am ehesten befürchten muss, dass sein Geschäftsmodell gefährdet sein kann.
Gefahren gefährden Investitionen. Vorhersagbarkeit und präzise Prognosen sind wertvoll. Oliver erklärte mir mögliche Risiken:

„Es entstehen Transit-Risiken im Übergang von der jetzigen Wirtschaft in eine Low-Carbon–Wirtschaft. Mit dem Klimawandel werden die Anlagen von Firmen beispielsweise physischen Risiken ausgesetzt, die durch veränderliches Wetter, Wirbelstürme oder einen Anstieg des Meeresspiegels entstehen. Darüber hinaus gibt es rechtliche Risiken, die beispielsweise bei einer Klage wegen des CO2-Ausstoßes entstehen. Auch gibt es Reputations-Risiken, so wie wir es bereits bei der Tabakindustrie im Zusammenhang mit deren gesundheitsschädlichen Produkten beobachten konnten.“

Liegen diese Klima-Risiken nicht weit in der Zukunft?

„Nein. Der Wert eines Unternehmens bemisst sich an den Erwartungen, die Investoren hinsichtlich dessen künftiger Profitabilität haben. Ändern sich diese Erwartungen aufgrund von Analysen, so ändert sich sofort der Wert des Unternehmens. Die Erwartungen üben eine „Schattenwirkung“ auf heutige Unternehmenswerte aus.“

Ein weiteres Beispiel für Hybrid–Start-ups ist das Schweizer Start-up greenmatch. Es hat sich auf die Finanzmodellierung und das Prozessmanagement von globalen Investitionen in erneuerbare Energien spezialisiert und beurteilt diese Millionen-Transaktionen wirtschaftlich mit einer standardisierten Software. Diese wurde bereits von international anerkannten Wirtschaftsprüfern auf Herz und Nieren getestet.

Fazit

Mit Sicherheit macht es keinen Sinn, krampfhaft ein Querschnitts-Schema zu suchen. Auch bei den puren Cleantech-Geschäftsideen wird es immer wieder hochkarätige „High Potentials“ geben. Sollten aber die Ideen in mehrere Sektoren passen, dann muss man diese Tatsache knallhart ausnutzen und den Schub beider Wellen für sich bündeln.