Mit einem jährlichen Umsatz von über 500 Milliarden Euro, hat die Chemieindustrie eine große Bedeutung für die europäische Wirtschaft. Um im globalen Innovationsdruck wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen ansässige Unternehmen ihre Produkte weiterentwickeln, Produktionsprozesse optimieren und systematisch Forschung betreiben. Bestärkt wird diese Dynamik durch neue nationale und pan-europäische Umweltschutz-Regelungen sowie internationale Absichtserklärungen, wie das Übereinkommen der UN-Klimakonferenz in Paris.

Industrievertreter suchen daher aktiv nach Möglichkeiten ökonomische und ökologische Interessen zu verbinden. Ein Ansatz ist dabei die Kreislaufwirtschaft, die sich besonders effektiv in unternehmens- oder branchenübergreifenden Zusammenschlüssen realisieren lässt, da im Idealfall das Abfallprodukt eines Unternehmens zum Rohstoff für ein anders werden kann. Noch schließen sich jedoch wenige Unternehmen systematisch zu Clustern zusammen, um bei Forschungs- oder Produktionsprozessen Synergie-Effekte zu erzeugen. Diese Form der Kooperation ist besonders im Hinblick auf Fragen der Wettbewerbssituation sowie der Intellectual Property nicht trivial und wirft dringende Fragen auf:

Wie lässt sich unternehmensübergreifende Kooperation mit dem Ziel der Nachhaltigkeit entlang der Wertschöpfungskette sinnvoll gestalten? Und welche Auswirkungen haben solche Kollaborationen auf das Geschäftsmodell eines Unternehmens?

Lösungsansätze für Innovationsfähigkeit der Chemeindustrie

Diesen Fragen widmete sich unsere PhD Summer School. Im Rahmen eines 2-wöchigen Workshops in Göteborg und Frankfurt entwickelten hierbei 20 Doktoranden Lösungsansätze zur Clusterbildung, um die Innovationsfähigkeit der Chemieindustrie zu fördern.

Die konkreten Aufgabenstellungen basierten auf realen Ausgangssituationen. Die Praxisbeispiele wurden vom niederländischen Spezialchemie-Konzern Akzo Nobel sowie von Infraserv, dem Standortbetreiber des Industrieparks Höchst in Frankfurt gestellt. Den Doktoranden boten sie Zugang zu Produktionsstätten in Schweden und Deutschland und standen darüber hinaus den aufgeweckten Teilnehmern Rede und Antwort.

Sie erstellten im Laufe der zwei Wochen sechs Konzepte, die am letzten Tag vor einer Fachjury präsentiert wurden. Zu den Industrie-Experten in der Jury gehörten neben Dr. Klaus Alberti, Leiter Unternehmensentwicklung und Kommunikation von Infraserv Höchst und Prof. Dr. Hannes Utikal, Leiter des Zentrums für Industrie und Nachhaltigkeit an der Provadis Hochschule auch Ted Grozier, Programmmanager des Sustainable Production Systems Themenbereichs von Climate-KIC.

Infraloop: Matchmaking für Abfall

Präsentation InfraloopZu den präsentierten Ideen gehört beispielsweise „Infraloop“, eine auf Abfall fokussierte Matchmaking-Plattform für die Industrie. Die Idee dahinter: Des einen Abfall ist des nächsten Schatz. Durch Aufbereitung der Abfälle und sinnvolles Matching könnte so ein unternehmensübergreifender Beitrag zur Kreislaufwirtschaft erbracht werden, so der Ansatz der Gruppe. Daneben entstünde zugleich ein neues Geschäftsmodell für den Serviceanbieter Infraserv, sowie eine Problemlösung für Akzo Nobel.

„Infraloop“ zeigt, worin für die Unternehmen der Vorteil der PhD Summer School liegt: Die Teilnehmer sind eine Gruppe motivierter Doktoranden aus dem Nachhaltigkeitsbereich, die international und interdisziplinär bunt zusammengewürfelt sind. Dadurch blicken sie unvoreingenommen auf die Fragestellung der Unternehmen und können so frische Ideen einbringen. Beispielsweise schlagen sie einem Chemieunternehmen dann einfach vor, ihre Kompetenzen im aufkommenden Markt des Urban Mining einzubringen. Dieses Um-die-Ecke-Denken würde oftmals im Tagesgeschäft untergehen, kommentierte dann auch ein Unternehmensvertreter bei der Abschlussveranstaltung.

Future-Hub: Industrie, Wissenschaft und Start-ups kooperieren

Auszeichnung Future-HubAls beste Präsentation des Tages zeichnete die Jury das Projekt „Future Hub“ aus. Das Future Hub ist ein Kooperationsraum, in dem Partner aus Industrie, Wissenschaft und Start-ups zusammenkommen, um gemeinsam die Skalierung von neu entwickelten Technologien umzusetzen.

Im konkreten Beispiel könnte der Standortbetreiber „Infraserv“ die exzellente Infrastruktur eines der größten Industrieparks in Europa nutzen, um anwendungsbezogene Forschungsprojekte voranzubringen und deren Umsetzbarkeit zu demonstrieren. Zugleich könnte das Unternehmen dabei seine eigenen Forschungs-Kompetenzen stärken und die Erfahrungen in Form von Beratungsleistungen oder Technologie-Lizenzen weitergeben. Im Geschäftsmodell der Gruppe finanzierte sich der Future Hub zunächst jedoch über vorhandene EU-Fördermittel sowie Investitionen der beteiligten Partner.

Schneller Return of Investment ist Achillesferse der Kreislaufwirtschaft

Der praxisnahe Ansatz der Summer School brachte die Doktoranden somit zu einem der zentralen Probleme in der Umsetzung von Kreislaufwirtschaftskonzepten: Die Finanzierbarkeit. Möglichkeiten, nachhaltige System zu fördern, gibt es viele, doch nur wenige zeigen finanziell so schnell einen Return of Investment, dass sie interessant genug wären, um ein bestehendes System abzulösen. Potential gibt es dabei viel. Dieses zu heben, wird Aufgabe in den nächsten Jahren sein.

„Neben neuen Geschäftsmodellen erfordert die Kreislaufwirtschaft auch neues Denken in der Chemieindustrie“,

so Prof. Hannes Utikal.

„Das Denken in Systemen, das Bilden von Allianzen auch über Branchengrenzen hinweg, die Entwicklung neuer Ertragsmodelle – alle diese erforderlichen Kompetenzen konnten die Teilnehmer der Doktorandensommerschule trainieren.“

Letztlich haben die Teilnehmer der Summer School gezeigt, dass mit einem kreativen Ansatz auch aus Abfällen Wert geschaffen werden kann. Und dass es sich lohnt, die Fragestellung einmal ganz anders anzugehen. Ganz nach dem Motto: Wo ein Wille zur Nachhaltigkeit ist, ist auch ein unternehmerischer Weg.

Jury-Mitglied Ted Grozier ergänzt:

„Innerhalb von nur zwei Wochen konnten die Studenten sinnvolle erste Schritte zur Lösung einer der größten Herausforderungen unserer Zeit unternehmen. Die Qualität der Präsentationen und des Denkens dieser nächsten Generation von Führungskräften stimmt mich optimistisch für die Zukunft!“