Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten als hervorragendes Pflaster für Gründer. Was kann einen kanadischen Software-Entwickler von Boston nach Berlin locken? Ich habe mit Dr. Kai Wu über „Germany´s Energiewende“ gesprochen und wollte mehr über ihn und seine Gründung von Enerkeep erfahren.  Das Start-up hilft Solarbetreibern beim Finden des richtigen Solarstrom-Speichers.

Kai, was hat Dich nach Deutschland gelockt?

Viele Deutsche glauben es nicht, wenn ich ihnen sage, dass der Rest der Welt bewundernd auf Deutschland schaut, wenn es um Erneuerbare Energien geht – doch es stimmt. Die deutsche Bevölkerung ist weltweit einzigartig in ihrer Zustimmung und Unterstützung für Erneuerbare Energien. Und wie wir in den USA sagen, lassen die Deutschen „ihren Worten Taten folgen“, das heißt, hier wird nicht nur geredet, sondern gehandelt, und das schon seit vielen Jahren. Die Deutschen geben ganz bewusst mehr Geld für grünen Strom aus, weil sie wissen, dass diese Technologien neu sind: am Anfang teuer, aber langfristig zahlt sich das aus – und dies in vielerlei Hinsicht. Wenn andere Länder sehen, dass eine so hoch industrialisierte Volkswirtschaft ihre Energie überwiegend aus Erneuerbaren Energien beziehen kann, werden sie mit großem Vertrauen Deutschlands Weg folgen. Wenn ich also einen Beitrag zur deutschen Energiewende leisten kann, dann ist es als Erdenbürger meine Pflicht, genau dies hier zu tun.

In Deutschland wird mit der EEG-Reform die Stromwende gedrosselt und auf Ausschreibungen umgestellt. Um die Ziele aus dem Pariser Klimaabkommen zu erreichen, bräuchte man laut einer Studie zur Sektorenkopplung unter anderem einen Kohleausstieg bis 2030, einen forcierten Ausbau von Batteriespeichern und einen Nettozubau von 15 GW Photovoltaik pro Jahr. Die Prognose für den tatsächlichen Photovoltaikzubau liegt bei einem einzigen GW. Was stimmt euch so optimistisch?

Generell ist es die ökonomische Realität, dass Solarstrom in den nächsten Jahren zur günstigsten Energiequelle der Welt wird. PV-Module folgen einer erstaunlichen Lernkurve. Es gibt keinen Grund, warum bei Batterien, besonders bei Lithium-Zellen, nicht dasselbe passieren sollte. Wir werden definitiv zu dem Punkt kommen, an dem PV+Speicher weltweit die erste Energieoption sein wird, und zwar aus reinen Kostengründen. Wir glauben, diese Zukunft ist eher nah als fern. Speziell für Deutschland ist es richtig, dass die Energiewende vor großen Herausforderungen steht. Wir müssen uns aber grundsätzlich klar machen, dass Deutschland hier technisches Neuland begeht. Auch wenn die Schrittgeschwindigkeit langsamer wird, geht es doch stetig voran. Die politischen und technischen Hürden schrecken mich nicht ab – im Gegenteil: sie zeigen mir, wie wertvoll die Lösungen sind, die wir hier entwickeln. Deshalb denke ich, dass wir mit unserem Unternehmen hier genau am richtigen Ort sind.

Willst Du nicht auch Nordamerikaner bei der Energiewende unterstützen?
Oder interessiert man sich dort nicht für Speicher, Autarkie und Eigenstromverbrauch?

Wir wollen den Übergang zu Erneuerbaren Energien überall auf der Welt unterstützen. Es ist nun aber so, dass einige Märkte reifer sind als andere, gerade im Bereich der Solarstromspeicher. In Nordamerika sind die Strompreise in der Regel niedriger als in Deutschland, und die politische Unterstützung ist sehr uneinheitlich, so dass Eigenverbrauch und Energie-Unabhängigkeit noch nicht so ein natürlicher “no-brainer” sind wie in Deutschland. Ich bin mir aber sicher, dass die nordamerikanischen Eigenheimbesitzer die Idee der Energie-Unabhängigkeit mindestens so wertschätzen wie die deutschen. Fallen die Preise für Solarstromspeicher weiterhin so rapide, werden wir den Durchbruch hier erleben. Dann weltweit. So auch mit unserer Software.

Und die Gründermentalität: Hast Du Unterschiede zwischen Nordamerikanern und Europäern beobachtet?

Ja, es gibt sicherlich Unterschiede. Kulturell haben Nord-Amerikaner eine kürzere, einfachere und vielleicht auch langweiligere Geschichte. Sie sind deshalb aus meiner Sicht etwas naiver – aber dafür auch optimistischer als die Europäer. Während man in beiden Welten einen genauen Plan und einen guten Geschäftssinn braucht, habe ich das Gefühl, in den USA wird nicht so viel hinterfragt, und Optimismus überwiegt die Skepsis weit öfter als hier. Ein zweiter wichtiger Unterschied ist die geographische Konzentration von Know-how in Nordamerika. Europäische Wissenschaftler, Ingenieure und Führungskräfte sind mindestens so gut wie Nordamerikaner, aber sie sind in dutzenden Ländern verteilt. Während in Nordamerika in Städten wie Boston oder San Francisco ein dichtes Netz von Talent, Technik, Geld und Unternehmen stark konzentriert ist.

Ihr betreibt das Online-Portal enerkeep.com, dass für Transparenz im wachsenden Heimspeichermarkt sorgt. Interessierte können kostenlos, Speichersysteme vergleichen, die optimale Speichergröße berechnen und einen zertifizierten Installateur finden. Wie reagieren Speicher-Interessierte auf euren Service?

Wir hatten beispielsweise eine Kundin aus dem Schwarzwald, die einfach keinen Installateur für ihr bevorzugtes Speichersystem finden konnte. Sie hatte einige Elektroinstallateure gefragt und wollte die Suche schon aufgeben. Glücklicherweise konnten wir für sie dann doch noch einen passenden Installateur in der Nähe finden. Die Leute wollen einfach nur Photovoltaik mit Speicher und sind dann oft erschlagen von der Komplexität der verschiedenen Systemlösungen. Wir bekommen viel Anerkennung für unsere objektive und neutrale Beratung, vor allem am Telefon. Das freut uns sehr und treibt uns jeden Tag an.

Und wie habt ihr Kontakt zu dieser Kundin erhalten? Über den Chat?

Nein, in diesem Fall hat die Kundin angerufen. Wir sind aber immer per Live Chat auf unserer Webseite erreichbar. So können wir ganz direkt spontane Fragen von unseren Besuchern beantworten, die diesen Service auch gern in Anspruch nehmen.

Ihr macht also eine Website, die mit mir redet?

Ja, für uns ist es ideal, denn so können wir die Fragen unserer Kunden noch besser verstehen und Unklarheiten beseitigen. Der Kauf einer Solaranlage oder eines Speichers ist ja meistens kein Spontankauf. Kunden überlegen meist viele Monate und informieren sich ausgiebig. Genau hier setzen wir an und bieten Produktinfos, Preisalarme und Beratung, online, offline, einfach und kostenlos.

Kostenlos ist ein gutes Stichwort. Wie ist euer Geschäftsmodell?

Sehr einfach: Wir vermitteln vorinformierte Kunden an passende Installateure und erhalten von diesen eine Vermittlungsprovision. Durch unsere Beratung filtern wir dabei nur die Installateure heraus, die die gesuchten und passenden Produkte auch verkaufen und installieren. So spart der Kunde Zeit bei der Suche nach einem Installateur – und der Installateur spart Zeit bei Suche nach neuen Kunden. Wir senken also Akquisekosten, und über einen Teil dieser Kostenersparnis finanzieren wir uns.

Was unterscheidet Euch von anderen Lead-Agenturen?

Bei Enerkeep steht die herstellerunabhängige, transparente Beratung im Vordergrund. Alle unsere Tools sind darauf ausgerichtet den Informationsprozess rund um die Kaufentscheidung optimal zu unterstützen. In anderen Worten: wir beraten tatsächlich. Außerdem verkaufen wir Leads nur begrenzt weiter, und nur an einen Installateur pro vorausgewähltem Speicherprodukt. Für Installateure bedeutet dies passgenaue Kundenanfragen, an die man in erster Linie über Produkteigenschaften herangehen kann, und nicht unbedingt über den Preis.

Das klingt so, als ob ihr den Interessenten wirklich Zeit und Mühe erspart. Jedoch nicht jeder Installateur ist auch für jeden Speicher zertifiziert. Warum muss man überhaupt für Speicher zertifiziert sein? Und wer zertifiziert?

Der Hersteller zertifiziert die Installateure. Die Basis dafür ist das KfW-Förderprogramm. Dieses schreibt diese Installateur-Schulung in der Speicherförderung KfW 275 vor, und zwar seit Beginn des Programms. Alle Hersteller haben sich mittlerweile darauf eingestellt und damit begonnen, ihr eigenes Installateurs-Netzwerk zu entwickeln.

Bei eurem Vergleich sieht man eine Wertung des Speichers, den Enerkeep-Score. Was sagt mir der?

Wir bewerten anhand von Performance und Lebensdauer. Performance definieren wir anhand der System-Effizienz sowie der Lade- und Entladedauer. Hier gibt es große Unterschiede. Oftmals sind leistungsstarke Batterien mit schwachen Wechselrichtern kombiniert. Bei der Lebensdauer gehen wir nach der Garantiezeit, der Größe des Herstellers laut EU-Klassifizierung sowie nach dem Weltmarktanteil des Zellherstellers. Man muss die Datenblätter der Hersteller grundsätzlich genau hinterfragen, denn es fehlen oft standardisierte Messverfahren. Wir stehen deshalb mit allen Herstellen in intensivem Austausch und fragen viele Zusatzinformationen ab.

Was macht am meisten Spaß in eurem Unternehmen?

Für mich als Software-Ingenieur ist es das Schreiben eines Code, der gut funktioniert und den unsere Nutzer wirklich wertvoll finden. Software-Entwicklung ist immer noch ein sehr junger Bereich, aber er hat bereits einen enormen Einfluss auf unsere Welt. Ich glaube, Software kann die Welt besser machen, und zwar schneller und globaler als alle bisherigen Technologien. Das Internet ist noch nicht alt und verändert die Welt schneller als irgendetwas je zuvor in der Geschichte. Es ist auch eine Ehre und Freude, für etwas arbeiten zu dürfen, an das man glaubt – und mit Kollegen zusammenzuarbeiten, welche die gleiche Mission teilen: mehr saubere Energie für uns und unsere Kinder. Unsere gemeinsame Vision ist saubere Solarenergie, so einfach, reichlich und günstig, dass jeder Zugang dazu hat.

Vielen Dank für das Gespräch und euer Portal. Wir wünschen euch weiterhin den größtmöglichen Erfolg!