In Paris hatten die Staaten erfolgreich um Regeln zum Klimaschutz gerungen. Wirksam wird dieser nur, wenn man es dann auch macht. Wie steht die europäische Wirtschaft dazu? Kann und will sie beim Klimaschutz mitziehen? Antworten darauf gibt die in Paris vorgestellte Studie „Creating a roadmap for the diffusion of radical climate innovation in European business“ des Climate-KIC. Man hat eine Auswahl derjenigen gefragt, die an dem langen Entscheiderhebel sitzen.

Antworten aus der Vorstandsetage

Gemeinsam mit den Marktforschern von Edelman Berland wurden 115 Vorstandsmitglieder europäischer Unternehmen befragt. 32 der Vorstände kommen aus Großbritannien, 28 aus Frankreich, 30 aus Deutschland und 25 aus Italien. Vorstand bedeutet in dem Studiendesign, dass die Befragten entweder als Geschäftsführer, Finanzvorstand, leitender Geschäftsführer, Technikvorstand oder als IT-Vorstand Unternehmen vertreten. Für die Studie wurden unterschiedlich große Unternehmen gewählt:

  • 26% der Firmen beschäftigen 101-249 Mitarbeiter
  • 24% der Firmen beschäftigen 250-499 Mitarbeiter
  • 50% der Firmen beschäftigen mehr als 500 Mitarbeiter

Um die richtigen Fragen zu stellen, wurden vorab ausführliche Interviews mit Geschäftsführern sowie Experten aus Politik und von NGOs geführt. In den Antworten erhält man ein Gefühl dafür, wie die Entscheidungsträger in mittelständischen und großen Unternehmen über den Klimawandel denken: Wird er als Chance begriffen, als Bedrohung wahrgenommen oder spielt er nur eine untergeordnete Rolle?

Das Problem ist erkannt

Im Allgemeinen ist Sensibilität für den Klimawandel und dessen Folgen vorhanden: So sind sich 63 Prozent der Verantwortlichen bewusst, dass der Klimawandel für ihr Unternehmen unterschiedlichste Risiken birgt. Der Markt spiegelt ein gestiegenes Umweltbewusstsein. Wegen der steigenden Nachfrage nach umweltschonenden Produkten und Services geben zudem 63 Prozent der Befragten an, dass sie mit einer klimafreundlicheren Ausrichtung den Umsatz ihres Unternehmens steigern könnten. 59 Prozent der Befragten berichten zudem, dass es in ihrem Unternehmen bereits eine Strategie für den Umgang mit dem Klimawandel sowie eine Identifizierung der damit verbundenen Chancen und Risiken gäbe.

Ist damit die Gefahr gebannt?

Nein. Weniger als ein Drittel (29 Prozent) der befragten Unternehmen sieht für sich großen Spielraum, innovative Technologien und Methoden zur Bekämpfung des Klimawandels einzusetzen. Nur 14 Prozent sehen bei sich einen Gestaltungsspielraum, um ihr Unternehmen ressourcenschonender und klimaschonender aufzustellen.

Noch besorgniserregender: Ungeachtet des Klimawandels meint mehr als jedes dritte europäische Unternehmen (35 Prozent), dass ihr Markt von externen Faktoren, also auch Veränderungen durch den Klimawandel nicht betroffen sei. Jene Unternehmen sehen daher keinen Anlass, etwas zu ändern und Innovationen anzuvisieren.

Innovationen sind ein Schlüssel

Bertrand van Ee, CEO des Climate-KIC, sieht einen großen Bedarf für Innovationen. So habe Innovation im Lauf der Geschichte bei allen einschneidenden sozialen/wirtschaftlichen Umwälzungen eine entscheidende Rolle gespielt. Dies wird laut van Ee auch beim Klimawandel der Fall sein:

„Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass die Wirtschaft sich neu ausrichten muss, um die drohende Erderwärmung um 2° C noch zu verhindern. Scheinbar haben viele Unternehmen verlernt, innovativ zu sein oder schieben notwendige Innovationen so lange auf, bis von der Politik ein Allheilmittel kommt.“

Je länger Unternehmen die Risiken verdrängen, desto mehr werden die Klimafolgen selbst den Handlungsdruck aufbauen. Noch gibt es Zeit und damit Spielraum für Innovationen. Noch können Unternehmen selbst eine eigene CO²-freie Zukunft gestalten und sich dadurch strategische Wettbewerbsvorteile verschaffen. Dafür werden frische Ideen gebraucht.

Welche Hemmschuhe könnten ausgezogen werden?

Ich mag es immer dann, wenn es konkret wird. Die Unternehmen wurden gefragt, was sie vom Klimaschutz abhält.

  • 38 % der Vorstände vermissen die Anpassungsfähigkeit an Risiken. Fest machen diese es daran, dass die F&E-Teams zu wenig über Klima-Risiken wissen.
  • 24% der Vorstände sehen in den existierenden Strukturen das größte Problem. So sind beispielsweise Anreize zu oft nur auf ein Jahr ausgerichtet. Es fehlt die Ermutigung zum langfristigen Denken.
  • 31 % der Vorstände vermissen Rechtssicherheit in der Klimaschutzgesetzgebung in den Ländern und der EU.
  • 65 % der Vorstände sehen Chancen in der Kollaboration und fühlen sich darin durch das aktuelle EU-Kartellrecht gehemmt.

Man erkennt deutlich, dass in den Unternehmen selbst wie auch in den Rahmenbedingungen Hemmschuhe gesehen werden. Gut daran ist, dass diese Dinge geändert werden können. Zum Ändern braucht man immer Mut und auch Rückendeckung. Es geht um mehr als PR: Hervorbringen kann dies nur eine strategische Entscheidung und der daraus folgende Transformationsprozess.

Dafür aber muss erst einmal der unternehmerische Nutzen erkannt werden.

Ich glaube, dass jeder Vorstand bereits bei sich in seinem Unternehmen anfangen kann. Wer dann den Erfahrungsaustausch sucht, der findet diesen auch. In Deutschland kann man sich beispielsweise an die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (DENEFF), die Klimaschutz- und Energie-Effizienzgruppe der Deutschen Wirtschaft oder an Wirtschaft pro Klima des B.A.U.M. e.V. wenden. Beim Climate-KIC selbst gibt es über den Austausch hinaus Methoden, wie man Innovationsprozesse praktisch organisiert.

Wenn sich zwei Drittel nicht betroffen fühlen und weitere zwei Drittel keinen Handlungsspielraum erkennen, dann fehlen schlicht die Motive für den Klimaschutz. Motivieren kann es, wenn man insbesondere den ökonomischen Nutzen und die strategischen Vorteile durch einen radikalen Innovationsprozess hin zum Klimaschutz für sich entdeckt.

Was denken Sie, wie Unternehmen erfindungsfreudiger und wandelbarer in Sachen Klimaschutz werden können?