Wie der Name es schon vermuten lässt, beschäftigt sich EnCO2re mit CO2 – genauer gesagt, mit der Wiederverwertung von CO2. Das Innovations- und Marktentwicklungsprogramm hat ein Verfahren entwickelt, mit dem bei der Herstellung von Plastik der Rohstoff Erdöl durch CO2 ersetzt werden kann. Aktuell präsentiert EnCO2re seine Entwicklungen sowie erste Produkte aus CO2 auf der K Messe in Düsseldorf, der weltgrößten Messe der Kunststoffindustrie vom 19. – 26.10.2016.

Wir haben mit Ted Grozier, dem Programm-Manager von EnCO2re gesprochen und ihn nach den Potenzialen, Visionen und dem Status Quo der CO2 Wiederverwertung gefragt.

EnCO2re will die K-Messe nutzen, um die CO2 Wiederverwertung aus dem Labor zu holen und in der Breite zu etablieren. Was sind mögliche kommerzielle Anwendungsbereiche? Welche Ressourcen können mit wiederverwertetem CO2 ersetzt werden?

Wir werden Jahre brauchen, um unsere Vision der groß angelegten C02 Wiederverwertung zu verwirklichen. Es gibt dafür bisher nur wenige kommerziell ausgerichtete Produktionseinrichtungen, wie zum Beispiel die neue Fabrik von Covestro in Dormagen, die 5.000 Tonnen CO2-haltige Polyole pro Jahr produziert. Aber es wird ja gesagt, dass jedes große Abenteuer mit einem ersten Schritt anfängt, und genau das ist es, was jetzt passiert. Der offizielle Launch von EnCO2re ist der erste Schritt zur Etablierung der CO2 Wiederverwertung in der Breite. Wir erwarten, dass die CO2 Wiederverwertung für den Ersatz von Erdöl als Basismaterial für Chemikalien und Polymere in Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird.  Es gibt auch andere potenzielle Märkte wie den Brennstoff- und den Baumaterialienmarkt, die in Zukunft wiederverwertetes CO2 nutzen könnten.

Wie weit ist die Technologie der CO2 Wiederverwertung entwickelt und was sind die momentanen Rahmenbedingungen, um in den Markt einzutreten?

Die technische Entwicklung am Markt und im EnCO2re-Programm ist tatsächlich sehr unterschiedlich. Wir haben mehrere Projekte, die sich noch in der Entwicklungsphase bzw. in der Proof-of-Concept-Phase befinden, aber auch Projekte, die schon weiterentwickelt sind, wie CroCO2PETs, das bereits Prototypen gegenüber Industriestandards und herkömmlich produzierte Produkte testet.

Wie wird das CO2 überhaupt eingefangen? Welche Quellen werden genutzt?

In der Anfangsphase wird es von den Nebenprodukten anderer industrieller Prozesse genügend hochreines CO2 geben, sodass das Einfangen und Nutzen von CO2 zurzeit kein Problem darstellt. Um größere Volumina zu erreichen, werden wir in Zukunft neuartige Methoden einsetzen müssen, wie etwa das „direkte Einfangen aus der Luft“. Eine unserer Projektstudien untersucht derzeit die CO2 Wertschöpfungskette auf europaweitem und regionalem Niveau, um den Aktionsraum im Detail zu verstehen.

Welches Potenzial siehst du in der CO2 Wiederverwertung für den Kampf gegen den Klimawandel?

Wenn die CO2 Wiederverwertung mit Rücksicht auf die Umwelt geschieht, kann sie einen wesentlichen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft, zur Reduzierung des Einsatzes von Erdöl und dadurch auch zum Klimaschutz leisten. Die Partner von EnCO2re zeigen, dass der Markt für die Wiederverwertung von CO2 das Potenzial hat, um das Zwanzigfache seiner aktuellen Größe zu wachsen und ein Volumen von 3,7 Milliarden Tonnen pro Jahr zu erreichen – eine Menge, die ca. 10% der weltweiten Emissionen entspricht.

In einigen Fällen kann CO2 eingefangen werden, das sonst freigesetzt wird. Es kann auch als mögliche Speichermethode für erneuerbare Energien angesehen werden in Zeiten, in denen die Erzeugung größer ist als der Bedarf. Die CO2 Wiederverwertung muss aber Hand in Hand mit größerer Effizienz und der Energiewende gehen. Alleine kann sie die Herausforderungen des Klimawandels nicht lösen.

co2-kohlekraftwerk

Ein wesentliches Ziel von EnCO2re ist, die industrielle Produktion von fossilen Rohstoffen zu lösen, indem Petroleum durch CO2 ersetzt wird. Aber ist CO2 nicht stets Nebenprodukt beim Verbrennen fossiler Rohstoffe, sodass die CO2-Wiederverwertung zwar Emissionen reduziert, aber trotzdem abhängig von fossilen Rohstoffen bleibt?

CO2 entsteht nicht nur beim Verbrennen fossiler Rohstoffe. Es ist beispielsweise auch ein Nebenprodukt der Zement- und Stahlproduktion. Daher ist die CO2 Wiederverwertung nicht automatisch an die fossile Rohstoffindustrie gebunden. 

Die politisch beschlossene Dekarbonisierung und die Energiewende haben 0% CO2 Emmissionen zum Ziel. Wären überhaupt noch CO2 Emissionen zur Wiederverwertung vorhanden, wenn wir dieses Ziel erreichen? Wie siehst du die Zukunft von EnCO2re in diesem Szenario? Könnte EnCO2re sogar ein Grund sein, Gas- und Kohlekraftwerke nicht abzuschalten, sondern weiterlaufen zu lassen? 

Wie gesagt, es gibt Industrieprozesse bei denen immer CO2 als Nebenprodukt entstehen wird. Ebenso gibt es Branchen wie zum Beispiel die Luftfahrt, in denen die Verbrennung fossiler Rohstoffe einfach nicht vermieden werden kann. Wenn es soweit ist, dass wir die Technologie zum „direkten Einfangen aus der Luft“ entwickeln müssen, wäre das ein enormer Fortschritt. Ich glaube aber, dass wir noch Jahrzehnte davon entfernt sind.

Welche Rolle spielt Climate-KIC im EnCO2re-Programm? Wer ist sonst noch beteiligt in dem Projekt?

Climate-KIC ist Projektmanager von EnCO2re. Zusammen mit der Covestro AG, die das Programm mit initiiert hat, legen wir die übergreifende Ausrichtung des Programms fest und holen weitere Partner und Projekte an Bord, die helfen, die Ziele des Programms zu erreichen. Derzeit arbeiten 12 Partner aus Forschung und Wirtschaft aus 7 verschiedenen Ländern im EnCO2re Programm zusammen.

Vielen Dank Ted für das interessante Gespräch!

Weitere Infos gibt es auf der EnCO2re-Website.

Fotos: CC Zappy’s & dé.wé. – flickr