Einige etablierte Cleantech Start-ups haben es durch Crowdfunding-Finanzierung durch die Internet-Gemeinschaft geschafft. Grund genug, sich das Phänomen näher anzuschauen. Crowdfunding bietet mehr als Geld und hat sich als seriöse Finanzierung etabliert. Für welche Gründungen eignet sich Crowdfunding? Es kann skalierbare Projekte ebenso wie individualistische Nischen-Ideen finanzieren. Dennoch setzen laut dem DSM 2016 nur 4,1% der deutschen Start-ups auf Crowdfunding. Vertane Chance?

In der Climate-KIC Welt gibt es Erfolgsbeispiele: Das spanische Start-up Closca warb über 500.000 € für seinen umweltfreundlichen Fahrradhelm ein. E-Volo erhielt durch die Masse 1,2 Millionen € und brach damit Rekorde. Und das Start-up Econeers baute gleich eine ganze Crowdfunding-Plattform zur Finanzierung von Energieeffizienz und grünen Technologien auf.

Zwei sehr unterschiedliche Cleantech-Gründer haben mir von ihren Erfahrung mit dem Crowdfunding berichtet. Torsten Schreiber, einer der Gründer von Africa GreenTec, antwortete mir aus einem Internetcafé in Mali auf meine Praxisfragen zum Crowdfunding. Africa GreenTec finanziert durch Crowdfunding den Bau mobiler Solarcontainer, die der ländlichen Elektrifizierung dienen. Leopold von Bismarck gründete das Top-Start-up tado, das mehr als 200.000 Dollar für seine smarte Heizungssteuerung über Kickstarter eingeworben hat.

Solarcontainer Pilotprojekt in Mourdiah (Mali)

Solarcontainer von Africa GreenTec beim Pilotprojekt in Mourdiah (Mali)

Frühphasen-Investoren

Zu Beginn ist die Investorensuche für Cleantech Start-ups am Schwierigsten. Die meisten beginnen mit der Unterstützung durch Familie und Freunde. In Deutschland gibt es nur wenige Business Angels, die das große Risiko tragen wollen – vor allem dann, wenn die Gewinnaussicht mittelmäßig statt phänomenal erscheint. In dieser Lücke versucht sich die berühmte Breakthrough Energy Coalition. Kann auch Crowdfunding diese Lücke schließen? Kann es ein Ersatz für Risikokapital oder der Unterstützung von Freunden und der Familie sein? Torsten sagt:

Nein. Das erste Kapital sollte immer „friends & family“ sein, denn dies ist auch ein wichtiger „Trust“-Faktor, bevor man „Fremde“ akquiriert. Fremde Investoren (auch beim Crowdfunding) werden immer Fragen, was hat man bereits selbst investiert und was haben die Leute, welche die Person kennen, gegeben. Es ist daher eine wichtige Ergänzung, aber kein Ersatz.

Torsten Schreiber, Mitgründer von Africa GreenTec

Torsten Schreiber, Mitgründer von Africa GreenTec

Leopold von Bismarck, tado-Gründer

Leopold von Bismarck, tado-Gründer

tado-Gründer Leopold von Bismarck sieht im Crowdfunding keinen Ersatz für Risikokapital:

Das kommt stark auf die Strategie, Produkte und operativen Pläne der Firma und den sich daraus ableitenden Kapitalbedarf an. Die wenigsten Firmen werden sich rein aus den Rückflüssen der Kampagne finanzieren können, insbesondere wenn größere Teams aufgebaut oder sonstige Investitionen getätigt werden müssen. Oft braucht ein Team auch mehr Zeit als gedacht, um ein Produkt bis zur Marktreife zu führen und dann muss das Kapital die Firma entsprechend länger tragen bis relevante Umsätze generiert werden können. Daher ist es sicherlich sinnvoll, sich früh mit weiteren Optionen für die Finanzierung auseinanderzusetzen und bereits tiefergehende Gespräche zu führen. Sicherlich gibt es aber auch Firmen mit einer entsprechenden Umsatz-, Margen- und Kostenstruktur, die es ohne weitere externe Finanzierung schaffen sich zu tragen oder sogar zu wachsen.

Crowdfunding hat folgende Stärken:

  • In der Crowd werden sowohl die Chancen wie auch die Risiken auf viele Schultern verteilt.
  • Der Einzelne hat wenig zu verlieren, kann jedoch das Zünglein an der Waage sein, um ein ganz besonderes Projekt zu ermöglichen.
  • Die Mindsets in der Crowd sind häufig mehr von der Idee als von der Rendite-Erwartung klassischer Risiko-Kapitalgeber getragen.
  • Ein weiterer Vorteil ist die Offenheit für neue Ideen.

Mit Crowdfunding beweisen, dass das Produkt funktioniert

Eine der Formen des Crowdfundings ist das “Reward-Based Crowdfunding”. Dort erhalten die vielen kleinen Investoren eine Belohnung bzw. Produkte aus einer Pilotserie. Gerade Start-ups aus dem B-to-C Bereich können sich hier beweisen. Nimmt die Crowd das Produkt an, gibt es gute Belege dafür, dass es einen Markt gibt. Ein sehr erfolgreiches Beispiel dafür ist die Entwicklung des Fairphones.

Martin Sauerhammer von Startnext bestätigte, dass man über Crowdfunding den Banken und klassischen Investoren beweisen kann, dass das Produkt in der Praxis funktioniert, und hat dafür eindeutige Belege:

Die erste Förderbank startet im April ein erstes Cofunding-Programm. Zwei weitere und ein Investor folgen im Laufe des Jahres.

tado-Gründer Leopold von Bismarck warnt davor den “Beweis” für die Marktfähigkeit des Produktes zu überschätzen:

Es ist sicherlich ein sehr guter Weg, um früh Marktsignale abzutesten und ein Gefühl für die Nachfrage zu bekommen. Zudem kann man wichtige Marktinformationen durch das Crowdfunding gewinnen, z.B. welche Regionen sich für das Produkt interessieren, welche Nutzenargumente und Funktionen für die Nutzer besonders wichtig sind, etc. Ob ein Produktkonzept nach einer solchen Kampagne jedoch nachhaltig im Markt skalierbar ist, hängt von vielen weiteren Faktoren ab. Im Grunde geht die Arbeit dann erst los. Es ist also bei einer erfolgreichen Kampagne keine Garantie gegeben, aber es nimmt definitiv sehr viel Unsicherheit aus der “Gleichung”. Weiterhin muss man sich aber auch die Frage stellen, ob die Nutzer von Crowdfunding Plattformen generell zu der eigenen Zielgruppe passen und die Kampagne dadurch überhaupt eine Erfolgschance hat. Oft scheitert es auch an der Vorbereitung und Durchführung. Eine nicht erfolgreiche Crowdfunding Kampagne ist jedenfalls kein Beweis dafür, dass das Produkt nicht vom Markt angenommen wird.

Früh mit Marketing beginnen

Um beim Crowdfunding erfolgreich zu sein, muss sofort mit dem Marketing begonnen werden. Und damit sind wir bei der dritten großen Chance durch das Crowdfunding. Energieblogger Andreas Kühl sieht einen schönen Nebeneffekt für das Marketing:

Die Start-ups gehen früh raus und lernen sehr viel über das Präsentieren ihres Angebotes. Das kann sehr interessante Reifeprozesse in den Teams auslösen.

Was das genau sein kann, weiß Leopold von Bismarck aus eigener Erfahrung:

Die Crowdfunding-Kampagne erfordert gründliche Vorbereitung auch im Bereich Marketing und PR, aber es lohnt sich. Wir haben hier für unsere Firma und das neue Produkt unglaublich viel Aufmerksamkeit generieren können und das auf internationalem Level. Zudem liefert der Austausch mit den internationalen Kunden enorm viele Erkenntnisse zu Kauftreibern und potentiellen Ablehnungsgründen. Man bekommt ein sehr gutes Gefühl für die initiale Kernzielgruppe und kann dann insgesamt daraus das optimale Messaging für die Skalierung danach ableiten.

Ist Crowdfunding etwas für uns?

Wer Crowdfunding wagt, der darf den Aufwand nicht scheuen. Man muss eben Hunderte und nicht eine Handvoll Investoren finden. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb erst wenige Gründer Crowdfunding nutzen. Torsten schätzt den Aufwand im Vergleich zur klassischen Investorensuche als hoch ein:

Der Aufwand ist ähnlich, wenn nicht sogar größer; denn egal, ob jemand 500 Euro investiert oder 50.000, er hat die gleichen Fragen. Es kommt daher auf den Zusatznutzen an. Wenn die Crowd zusätzlichen Mehrwert bietet, kann sie Vorteile haben gegenüber klassischen Finanzierungen. Leider scheuen klassische Investoren Investments in Projekte, die zuvor mit Crowdfunding finanziert wurden; daher sollte man sich gut beraten lassen über die Instrumente und die Strukturierung.

tado hingegen zeigt, dass auch eine Kombination von Crowdfunding und klassischen Investoren möglich ist – in beiden Bereichen gibt es Erfolgsmeldungen. tado-Gründer von Bismarck berichtete, was Crowdfunding über das Kapital hinaus gebracht hat:

Viel Aufmerksamkeit, hilfreiches Feedback von innovationsfreudigen Kunden und natürlich ein gutes Startkapital für das neue Produkt. Zudem bietet Kickstarter eine super Infrastruktur, um ohne viel Aufwand global Produkte zu verkaufen inkl. Zahlungsabwicklung etc. So kann man sich voll und ganz auf das Produkt, das Marketing und die Kommunikation konzentrieren.

Start-ups sollten Crowdfunding für sich prüfen. Ein Gespräch mit den darin erfahrenen Start-ups aus der Alumni ist sicherlich auch eine gute Idee.

Die Grundlagen des Crowdfundings werden auf reset.org gut erklärt. Wer sich für praktische Tipps & Tricks interessiert, der sollte den Artikel “So geht Crowdfunding” auf T3N lesen. Dort geben tado und krautreporter Erfahrungen mit ihrer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen weiter. Eine Übersicht zu den Plattformen bietet Crowdfunding.de. Dort findet man auch die fokussierten Plattformen, die sich speziell an Start-ups richten oder sich thematisch an Themen wie Energie oder Nachhaltigkeit orientieren.