Klimaschutz und wie er wirklich gelingen kann, ist dieser Tage wieder weltweit ein heiss diskutiertes Thema. Er beschäftigt die Mächtigen aller Staaten sowie Start-up-Gründer, aber auch ganz normale Menschen wie dich und mich gleichermassen in Zürich.

So findet aktuell seit Montag wieder der Klimagipfel COP statt, diesmal in Bonn, Deutschland, in der 23. Auflage. Hochrangige Politiker, Diplomaten und Vertreter der Zivilgesellschaft kommen zur Beratung über besseren Klimaschutz weltweit zusammen. Sie diskutieren über Internationale Klimafragen und stimmen darüber ab, wie die Beschlüsse des Pariser Klimaabkommens in das nationale Recht der Länder zu verankern ist und konkret umgesetzt werden sollen. Eine Mammutaufgabe und ein langwieriger Prozess, der unzählige Verhandlungen und sicher noch weitere Klimagipfel umfasst.

Klimaschutz braucht politischen Willen und kreative Unternehmer

Beim Climathon vor einer Woche in Zürich herrschte ein anderer Wind. In 104 Städten auf der ganzen Welt drehte sich einen Tag lang alles darum, wie Klimaschutz vor Ort in der eigenen Stadt besser umgesetzt werden kann – und das möglichst mit sofortiger Wirkung! So auch in Zürich. Hier haben rund 120 Teilnehmer, Start-ups, Studenten oder engagierte Stadtbewohner, in nur 24 Stunden Konzepte für Projekte gegen den Klimawandel entwickelt. Tech-Experten, Programmierer, Gründer und kreative Köpfe haben sich auf Initiative von Climate-KIC, einem internationalen Netzwerk für Innovationen gegen den Klimawandel, zum bereits zweiten Zürcher Climathon zusammengefunden.

Einzige Vorgabe des Kreativwettbewerbs war, dass die entwickelten Lösungen folgende Probleme lösen sollten: Wie kann klimafreundliche Stadtplanung funktionieren? Wie kann eine essbare Stadt aussehen? Wie lassen sich Energiedaten sinnvoll nutzen? Und wie können wir in Zürich Anreize für die Nutzung von E-Mobilität schaffen? Am Ende wurden die besten Klimaideen ausgezeichnet, so z.B. eine Matchmaking-Plattform für Gärtner und Gartenbesitzer, ein Flying-Service für E-Auto-Batterien, eine lokale Währung, mit der man durch Energiesparen Geld verdienen kann und ein Feedbacksystem für öffentliche Plätze in der Stadt ausgewählt.

Nutzerfreundlichkeit mit Flying Service für E-Autos oder Mobility Hubs

Team ARC

Team ARC

Eine der Ideen, die beim Climathon im Bereich E-Mobilität entwickelt und ausgezeichnet wurden, ist ARC. Vincent und Sinead verfolgen den Ansatz, die Nutzung von Elektroautos für den Mainstream interessanter und lebenspraktischer zu machen. Mit einer App, die Fahrzeug und Handy verbindet, wird jederzeit nachverfolgt, wo sich der Fahrer gerade befindet und wie lang sein Akku noch reicht. Fällt der Akkustand z.B. unter die 25-Prozent-Marke, wird sichergestellt, dass ein mobiler Batterie-Service sich in der Nähe befindet. Mithilfe von Machine-Learning erkennt die App auch sich wiederholende Bewegungsmuster der Nutzer, wie z.B. den Weg zur Arbeit. So kann ARC mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit voraussagen, an welchen Orten in Zürich in den nächsten Stunden Akkus aufgeladen werden müssen. Vincent betont, auch an die Privatsphäre haben sie gedacht. So kann der Nutzer auf Wunsch das Tracking des Fahrzeuges auch deaktivieren.

Teams Spark Horizon und Electric Feel

Teams Spark Horizon und Electric Feel

Auch bereits bestehende Start-ups konnten am Climathon teilnehmen und mit ihrem Team neue Projekte entwickeln. Moritz Meenen, CEO von Electric Feel, trat mit seinem Team ebenfalls in der Challenge E-Mobilität an. Electric Feel, das bereits mit seinem Sharing-Konzept für E-Roller in Barcelona, Madrid, Lissabon und Rom aktiv ist, hat sich beim Climathon angeschaut, wie sich das Laden von E-Autos angenehmer und zeitsparender gestalten lässt und dazu das Konzept der „Mobility Hubs“ entwickelt. Diese Hubs kann man sich als Parkhäuser vorstellen, die mehrere Probleme zugleich lösen: Sie können von E-Autofahrern zum Aufladen der Fahrzeuge genutzt werden, als Parkmöglichkeit und zum Umstieg auf E-Roller, erklärt Moritz. Die Innenstadt von Zürich kann mithilfe der Hubs und E-Roller quasi autofrei werden. Ausserdem entfällt das Problem der zeitintensiven und lästigen Parkplatzsuche in der Innenstadt. Weniger Fahrzeuge in der Stadt, was auch zu weniger Lärm und sinkender Luftverschmutzung führen würde, wäre die erfreuliche Konsequenz. Electric Feel hat bereits innerhalb der 24 Stunden bereits eine Simulation erstellt. Sie zeigt, wie die neuen Bewegungsmuster mit zunächst vier „Mobility Hubs“, die sich am Stadtrand von Zürich verteilen, aussehen würden.

Matchmaking von Gärtnern und Gartenbesitzern oder Foodsharing mit Dating verbinden

WeGrow ist eine Idee, die für die Challege „Essbare Stadt“ entwickelt wurde und ebenfalls von der Jury als Preisträger ausgewählt wurde. WeGrow schafft eine Matchmaking-Plattform für Gärtner, die ähnlich wie Airbnb funktioniert. Wer einen Schrebergarten, aber nicht genug Zeit hat, diesen ausreichend zu bewirtschaften, oder für längere Zeit in den Urlaub fährt, kann seinen Garten auf der Plattform mit einem eigenen Profil samt Beschreibung und Fotos einstellen. Mit der Hilfe von WeGrow kann er so Leute finden, die keinen Garten haben, aber gern einen mitnutzen wollen und die sich um den Garten sowie den Anbau von Obst und Gemüse kümmern. In dem Profil lässt sich auch angeben, ob auch „Garten-Neulinge“ willkommen sind oder bestimmtes gärtnerisches Know-how gesucht wird. Über die Plattform sollen ausserdem Gartenpartys und Events rund ums Gärtnern organisiert werden.

Eine besonders sympathische Idee hatten auch die Entwickler von „Expiration Date“, zu Deutsch Haltbarkeitsdatum, erfunden. Simon, Yulia und Lin, drei Master-Studenten aus Zürich, haben sich gedacht, warum nicht Foodsharing und Online-Dating miteinander verbinden? Auch in Zürich schmeissen die Menschen zu viele noch essbare Lebensmittel weg – das wollen sie ändern. Mit Expiration Date können die Nutzer schauen, was sie noch in Kühlschrank und Vorratskammer haben und abgeben wollen. Sie können sich aber auch mit anderen Nutzer verbinden, die ebenfalls ihre Lebensmittel verwerten wollen, z.B. zu einem gemeinsamen Kochabend. Expiration Date hat auch die Herzen der Jury höherschlagen lassen, die das Team als Preisträger auswählte.

Gruppenbild der Preisträger beim Climathon 2017 in Zürich

Gruppenbild der Preisträger beim Climathon 2017 in Zürich

Zürich auf dem Weg zur klimafreundlichen 2000-Watt-Gesellschaft

Den rund 30 Climathon-Teams standen sogar Stadtverantwortliche als Coaches bei der Entwicklung ihrer Ideen zur Seite bzw. es wurden ihnen reale Daten der Stadt Zürich zur Verfügung gestellt. Mit der Unterstützung des Climathons erhofft sich die Stadt Zürich neue Impulse für die Umsetzung und das Erreichen ihres energiepolitischen Ziels der 2000-Watt-Gesellschaft.

Zürich hat sich zum Ziel gesetzt, dass die Einwohner der Stadt nicht nur mehr erneuerbare Energie, sondern auch insgesamt weniger Energie verbrauchen. Um den Klimawandel zu stoppen, sollen es im Durchschnitt nicht mehr als 2000 Watt pro Person sein – aktuell sind es durchschnittlich rund 3900 Watt pro Einwohner in Zürich. Neben dem privaten Energieverbrauch zählt dazu auch, was z.B. der öffentliche Nahverkehr, öffentliche Einrichtungen oder der Flughafen an Energie verbrauchen. Ein komplexes Konzept, dessen Umsetzung viele clevere Ideen erfordert.

Selbst anpacken für den Klimaschutz

Ich bin froh zu sehen, wie viel junge Menschen sich für Umweltschutz interessieren und etwas gegen den Klimawandel unternehmen wollen. Oft wissen sie aber nicht, wo sie ansetzen sollen. Weniger Fleisch essen und Lebensmittel unverpackt einkaufen? Zu Ökostrom wechseln und Energiesparen? Carsharing, aber lieber mit Elektro-Autos? Alles wichtige Ansätze! Nur kann man allein wenig erreichen. Wie überzeugt man also mehr Menschen, den Klimaschutz in die eigene Hand zu nehmen?

Auch darum geht es beim Climathon. Er zeigt, wie viele Menschen das Gefühl haben, etwas unternehmen zu wollen und, dass die eigenen Ideen und Fähigkeiten einen Anstoss dafür bieten können. Das erzählt auch Sinead vom Projekt ARC, sie macht beim Climathon mit, weil sie gern etwas starten möchte, das wirklich einen Einfluss hat und die Welt ein stückweit verändern – besser machen – kann. Der Climathon kann der erste Schritt sein zu einem grösseren Projekt oder einem eigenen Business. Auch Sinead und Vincent schliessen nicht aus, sich mit ihrer Idee selbstständig zu machen. Viel Zuspruch haben sie schon erhalten. Wir sind gespannt, welche der Teams ihre Ideen weiterverfolgen und mit ihren Klimaschutzinnovationen erfolgreich durchstarten.

Ob die Studenten und Gründer beim Climathon oder die Weltspitze der Umwelt- und Energiepolitik ­– sie alle haben gemeinsam, dass sie den Klimaschutz ernstnehmen und mit ihren Mitteln und Möglichkeiten nach vorn bringen wollen. Wir hoffen alle, dass das gelingt.

Über den Climathon

104 Städte auf sechs Kontinenten waren am 27. und 28. Oktober für 24 Stunden durch den Climathon vereint. Unternehmer, Studenten und politische Entscheidungsträger arbeiteten zusammen, um neue Lösungen für lokale Probleme im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu finden. In Zürich erarbeiteten die Entwickler-Teams kreative Lösungen in den vier Bereichen: E-Mobilität-Konzepte verbessern, Energiedaten sinnvoll nutzen, Konzepte für die „essbare Stadt“ entwickeln und Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung bei der nachhaltigen Stadtentwicklung schaffen. Die Teilnahme stand allen Interessierten offen. Initiator des Climathon ist Climate-KIC, Europas Initiative für klimafreundliche Innovationen. Als EU-Programm 2010 ins Leben gerufen, fördert Climate-KIC in 25 europäischen Ländern Innovationsprojekte, Start-ups und Nachwuchsinnovatoren, um unternehmerische Lösungen für den Klimaschutz voranzutreiben.
Mehr dazu auf climathon.climate-kic.org.