Wie fühlen sich 24 Stunden an, in denen man als Teil einer globalen Community unter Hochdruck Klimaschutz-Lösungen entwickelt? Die Studentinnen Ramona Arzberger und Alexandra Diendorfer haben den Climathon 2018 in Graz erlebt – ein fesselnder Erfahrungsbericht vom Pitch aus erster Hand:

Startbereit zum Klimaschutz-Lösungs-Marathon: Also los geht’s nach dem Motto „Auf die Plätze, fertig, los!“ Die Tische sind aufgestellt, weiße Zettel, bunte Leuchtstifte, Scheren und Post-its liegen griffbereit. Gleich daneben stehen elegante Notebooks. Als flüssiges Transportmittel für schnelle Gedanken stehen Mineralwasser, Makava Eistee und Murelli Drinks, Kaffee und Tee bereit. Für Nervennahrung in Form von „Studentenfutter“ und Schokolade – von Österreichs kreativen, nachhaltigen und 100% bio und Fair Trade Schokoladier Zotter – ist gesorgt.

Nach und nach treffen die ersten TeilnehmerInnen an der TU Graz im Science Park Graz ein. Sie ziehen sich T-Shirts über und sehen sich noch ungewiss, aber schon sehr gespannt im Raum um. Manche kennen sich bereits und tauschen einander aus, andere sind erst einmal stille Beobachter. Keiner weiß so recht, was auf ihn zukommen wird. Doch alle sind freiwillig hier und haben ein gemeinsames Ziel: Innerhalb der nächsten Stunden wollen sie kreative und innovative Ideen finden und sie in Lösungen für „die grüne Stadt der Zukunft“ umwandeln.

Der Climathon ist keine neue Idee; bereits zum vierten Mal treffen in über 100 Städten Menschen zusammen, um sich den Herausforderungen des Klimawandels zu stellen. Offiziell ist der 24-Stunden-Marathon ein „Hackathon“, jedoch geht es dabei nicht nur darum, etwas zu programmieren oder Softwareprodukte zu entwickeln, sondern es werden vor allem ebensolche innovativen Ideen, frische Blickwinkel und Lösungen für eine nachhaltigere Zukunft gesucht, wobei jedem klar ist, dass die Zeit drängt und kaum noch Zeit zu verlieren ist. Climathon ist ein Geschenk an hoch motivierte Zukunfts-Denker und Zukunfts-Macher. Österreich stellt dieses Jahr zum ersten Mal den Austragungsort des Climathons. In Graz und in Wien findet er aufgrund des Nationalfeiertags jedoch vor dem offiziellen Termin statt. Teilnehmen kann jeder. Was zählt, ist die eigene Kreativität.

Gleich geht es los! Die Spannung steigt…

Es ist soweit: Die Challenges werden verkündet.

Die Challenge-Sponsoren haben vier verschiedene Aufgaben mitgebracht, und dafür sollen die TeilnehmerInnen Konzepte und Lösungen entwickeln. Die vier Herausforderer sind die Stadt Graz, das Land Steiermark, die Holding Graz und die Energie Graz; sie sehen im Climathon eine viel versprechende Chance, neue Ideen und Perspektiven für die Zukunft von Mobilität, öffentlichem Verkehr und Photovoltaik zu finden.

Dominik Piringer und Wolfgang Götzhaber vom Umweltamt der Stadt Graz sind die ersten Challenger, sie wollen Klima- und Luftqualitätsdaten für Bürger verständlicher machen und erhoffen sich nützliche Impulse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Die zweite Aufgabe kommt vom Land Steiermark und wird von Adelheid Weiland vorgestellt. Die zentrale Frage lautet: Wie kann die Bevölkerung an einer sozialen Transformation zu einem klimafreundlichen Transport-System beitragen? Ein Thema, das für viele Teams besonders interessant klingt.

Matthäus Hubmann von Energie Graz erhofft sich von den Teilnehmenden neue Ideen, um erneuerbare Energie effizienter nutzen und Verluste reduzieren zu können. Dabei geht es besonders um die Speicherung von Energie. Auch bei dieser Challenge ist gefragt, wie man Motivation bei Bewohnerinnen und Bewohnern schafft, damit diese bewusster und konsequenter mit erneuerbarer Energie in ihrem Zuhause umgehen.

Als letzter Herausforderer tritt Martin Schmidt als Vertreter des Holding Graz/Mobility Labs nach vorne. Da der öffentliche Verkehr für Städte immer wichtiger wird, stellt er die Frage, wie ein verknüpftes öffentliches Verkehrsnetzwerk in Zukunft aussehen könnte.

Es wird ruhig im Saal.

Den TeilnehmerInnen ist bewusst, dass von ihnen Großes erwartet wird. Innerhalb von nur 24 Stunden sind Probleme zu bearbeiten, für die noch niemand zuvor eine überzeugende Lösung gefunden hat, und diese neuen Lösungen sollen sie womöglich auch noch technisch umsetzen. „Now you can start the project!“, unterbricht Moderatorin Katrin die spannungsgeladene Stille und gibt den Aufruf an die Teams, mit der Arbeit an ihrem jeweils ausgewählten Projekt zum Klimaschutz zu beginnen. Stühle werden zurückgeschoben, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bilden Gruppen und legen los.

Ein Team – Welcher Challenge werden sie sich wohl stellen?

Schnell findet man sich am passenden Themen-Tisch. Das anfängliche Zögern weicht schnell dem erwachten Ideen- und Tatendrang. Fast jeder hat bereits einen Einfall und möchte diesen auch mitteilen. Innerhalb weniger Minuten sind die vormals weißen Plakate bunt beschrieben, die Wände mit Post-its anschauenswert beklebt. Spannung liegt in der Luft und lässt nicht nach: Die Zeit, um die Challenges zu lösen und Anstöße zu liefern, ist knapp. Zur Auflockerung und um weiterhin fit zu bleiben und konzentriert zu arbeiten, gibt es zwischendurch immer wieder lehrreiche Workshops, Sporteinheiten zum Wachbleiben, Dehnen und Strecken und leckere Snacks. Der Climathon soll schließlich nicht nur zum Generieren von Ideen, sondern auch zum Networken, Austauschen und Lernen da sein. Mentoren und Challenge-Sponsoren stehen tatkräftig zur Seite und beraten die Gruppen bis in die frühen Morgenstunden.

In Workshops erfahren die TeilnehmerInnen mehr über Pitches, Business Modelle, Funding und Finanzierungsmodelle.

Die Kaffeemaschine läuft auf Hochtouren.

Es ist bereits früher Vormittag und daher Zeit für Frühstück. Die Müdigkeit sieht man den TeilnehmerInnen ein bisschen an. Nur wenige von ihnen haben es geschafft, die ganze Nacht durchzuarbeiten. Manche haben in der TU übernachtet, andere sind zum Schlafen nach Hause gefahren und erst vor wenigen Minuten zurückgekehrt. Jetzt, so kurz vor den Präsentationen, ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Die Nervosität ist spürbar, bald ist die Climathon-Zeitspanne von 24 Stunden um.

Die kniffligen Aufgaben bringen die TeilnehmerInnen an ihre Grenzen.

Im „Finale“ des Hackathons haben die Gruppen nur fünf Minuten Zeit, ihre Konzepte und Lösungsansätze vor der Jury – bestehend aus den Herausforderern, aus Coaches und einem Vertreter des Climathons aus der Schweiz – zu präsentieren. Nach dem Pitch stehen ihnen wiederum fünf Minuten zur Verfügung, Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Die Gewinne sind Preisgelder, Coachings und die Chance, die eigenen Lösungen und Ideen mit den Challenge-Sponsoren weiterzuentwickeln –eine gute Möglichkeit, das finden auch Bianca und Philipp, zwei Teilnehmer, die selbst sehr viel Wert auf Achtsamkeit für die Umwelt legen: „Wir probieren einfach unsere Ideen, wie man in Zukunft Emissionen reduzieren kann, umzusetzen und hoffen, dass es dann in weiterer Folge was bringt,“ sagt Philipp, und Bianca ergänzt: „Und, dass es auch angenommen und umgesetzt wird, von lokalen Politikern zum Beispiel.“

Bianca und ihr Team zeigen Ideen zur Bewusstseinsbildung.

Andere haben noch konkretere Vorstellungen. Thomas, Simon und Konstantin von der Donau-Uni Krems haben sich eine App für das Land Steiermark überlegt, die Personen dazu motivieren soll, Fahrgemeinschaften zu gründen. „Ride2Park“ heißt ihre Idee, bei der Leute mit Kaffee und netten Preisen belohnt werden sollen, wenn sie ihr Auto mit anderen teilen. Die drei jungen Männer sind begeistert von allen Projekten: „Wir haben unsere Idee zweimal verworfen, sind jetzt aber zufrieden mit dem, was wir geschafft haben!“, erklärt Thomas stolz und verweist gleichzeitig darauf, dass er nie gedacht hätte, dass in so kurzer Zeit so viel möglich ist.

Die Zeit, Lösungen zu finden und zu formulieren, ist um. Moderatorin Katrin heißt alle Anwesenden im Seminarraum willkommen. Mit Spannung werden die Pitches erwartet. Die Teams präsentieren nach und nach ihre Projekte. Nach den Präsentationen hat die Jury einige Minuten Zeit, sich zu entscheiden, welche Ideen und Umsetzungen sie am meisten überzeugt haben. Hierfür müssen alle TeilnehmerInnen den Raum verlassen. Dieser vorübergehende Exodus erhöht die Spannung noch einmal mehr.

Die Jury berät sich – Wer sind die Gewinner?

Und dann der große Moment: Das Team „Climate Data Solutions“ hat gewonnen!

Die Teammitglieder Bianca, Philipp und Christian haben die Challenge der Stadt Graz gewählt und konnten überzeugende Ideen zur Visualisierung von komplizierten Feinstaubdaten liefern. Damit wollen sie das Bewusstsein der Bevölkerung fördern. „Es war ein Riesenspaß,“ freut sich Bianca; nur wie es jetzt weitergehen soll, weiß sie noch nicht so genau: „Wir wissen noch nicht, ob wir die Idee in Zukunft verfolgen wollen – vielleicht mit einem Start-up? Irgendwas in die Richtung wär‘ cool!“ Eines weiß sie aber ganz bestimmt: Am Climathon wird sie bestimmt wieder teilnehmen, am liebsten gemeinsam mit ihrem erfolgreichen Team.

AutorInnen: Ramona Arzberger und Alexandra Diendorfer, Ergänzungen Climate-KIC