Ihre Ansätze zur großen Transformation sind an eine gewisse Wirtschaftlichkeit gekoppelt; Kritiker würden behaupten, dass die Prämisse des stetigen Wachstums die heutige Klimakatastrophe erst verursacht hat. Wie lassen sich Wachstum und Nachhaltigkeit vereinen?

Und sicher hätten die Kritiker recht: Erst das stetige Wachstum hat uns in die Situation gebracht, in der wir uns heute befinden und in der ein Zwei-Grad-Ziel plötzlich zeitkritisch wird. Aber gerade an diesem Punkt das Wirtschaftswachstum mit dem Hinweis darauf eindämmen zu wollen, dass es in der Historie mit Blick auf das Klima schädlich war, baut die falschen Alternativen auf. Nicht das Wachstum an sich ist das Problem. Wir müssen stattdessen fragen, was wächst und wie das Wachstum vonstattengeht. Ungezügeltes Wirtschaftswachstum, das auf fossile Ressourcen setzt, ist der falsche Weg und würde tatsächlich dazu führen, dass sich Wachstum mit der Klimakatastrophe beinahe gleichsetzen ließe. Aber ein Wachstum, das auf neue, saubere Technologien setzt und diese fördert, das grüne Energie in den Fokus stellt, das Innovationen fördert und das eine große Transformation herbeiführt, die auf der Mikroebene, im Kleinen, in Nischen beginnt, ist wichtig und richtig. Der wachsende Einsatz etwa von erneuerbaren Energien, klimaschonender Mobilität, steigender Gesundheitsvorsorge kann für wachsenden Wohlstand sorgen.

Aktuell kommen viele Innovationen von Start-ups und nicht von den großen etablierten Konzernen, woran liegt das?

Start-ups können auf die oben genannten Entwicklungen der großen Transformation schnell reagieren. Sie sehen die sich abzeichnenden Änderungen als Innovations- und Wachstumschance und können diese Gedanken schnell zur Marktreife bringen. Sie müssen dabei nicht den Ballast der Konzerne mit sich tragen, also Dinge wie eine zeitraubende unternehmensinterne Bürokratie, interne Bedenkenträger oder unternehmensinterne „Pfadabhängigkeiten“ in Form bereits funktionierender Geschäftsmodelle. Konzerne, das sind die großen Schiffe auf dem Ozean, mächtig, aber nur schwer zu manövrieren. Start-ups sind die kleinen, flinken Beiboote, sehr schnell und agil unterwegs, beweglich. Ideal ist eine Kombination aus beidem. Und mitunter geben die Beiboote die Richtung vor, die dann auch von den großen Schiffen verfolgt werden.

Wie viel können wir von den Entwicklungen der Start-ups erwarten, bzw. gibt es einen Punkt, an dem diese an eine Art gläserne Decke geraten?

Ist das Geschäft der Start-ups stabil, dann stehen sie vor der Herausforderung des Hochskalierens. Sie müssen ggf. die Produktion im großen Maßstab organisieren, Vertriebsmannschaften aufbauen, die internen Prozesse standardisieren – die hiermit einhergehenden Managementaufgaben sind nicht trivial. Das kann man beispielsweise gegenwärtig bei Tesla beobachten, die bei der Großproduktion des massentauglichen Fahrzeugs vor großen internen organisatorischen Herausforderungen stehen. In dieser Phase des Hochskalierens haben etablierte Unternehmen große Stärken – hier kann mitunter eine Kooperation sinnvoll sein, um durch die „gläserne Decke“ zu stoßen.

Welche Rolle nehmen Start-ups in Großkonzernen ein? Wird es mit der großen Transformation auch zu einem Wandel in der Industrie und einem Zerfall von Großkonzernen kommen?

Es wird wie bei jedem grundlegenden Wandlungsprozess sein: Es wird Unternehmen, kleine wie große, geben, die auf der Strecke bleiben, weil sie die Zeichen der Zeit nicht früh genug erkannt haben. Denken Sie an Nokia. Das iPhone ist ja gerade erst zehn Jahre alt geworden. Nokia war damals noch unangefochtener Marktführer bei Handys. Von heute auf morgen wurde der Markt disruptiv umgepflügt, Nokia stürzte ab. Ein Konzern wie Neckermann ging durch die Digitalisierung des Handels zugrunde, und die analoge Fotografie, Stichwort Kodak, musste ebenfalls Opfer bringen. Diejenigen Unternehmen, die nicht bereit oder in der Lage sind, ihre Technologien, Produkte und Prozesse im Sinne einer großen Transformation umzuändern, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit erhebliche Marktanteile verlieren. Aber, und dieser Punkt ist wichtig: Wie bei jedem disruptiven Prozess wird auch dieser dafür sorgen, dass etablierte Unternehmen durch neue Geschäftsmodelle ersetzt werden. Die Start-ups können dabei, wie bereits erwähnt, die Treiber sein, die mit ihren Ideen und der schnellen Umsetzung dafür sorgen, dass eine Branche überhaupt in Bewegung kommt und dass Konzerne die Ideen aufnehmen und antizipieren.

Sie sprechen von kleinen Veränderungen im Nischenbereich, die notwendig sind um eine nachhaltige Wirtschaft zu erreichen. Geht das nicht zu langsam, Klimaforscher schlagen schon seit langem „fünf vor zwölf“, können wir uns da noch mit kleinen Veränderungen zufrieden geben?

Auch hier glaube ich nicht, dass in der Praxis das eine das andere ausschließt, also dass Nischeninnovationen die Transformation zu langsam vorantreiben. Mit Innovation in Nischen ist ja nicht gemeint, dass es langsam gehen muss. Dabei ist nur gemeint, dass sich ein solch komplexer Prozess nicht durch einen großen Knall, einen „Big Bang“ im Sinne einer Revolution am Tag X vollziehen kann. Sondern dass eine breite gesellschaftliche Bewegung notwendig ist, um aus vielen kleinen Puzzleteilen ein großes Bild zusammenzufügen. Wenn der große Knall nicht möglich ist, und das sehen wir ja unter anderem an Klimakonferenzen wie jüngst in Bonn, wo die Fortschritte in der Regel relativ gering sind, dann bleibt uns nur der subsidiäre Weg, bei dem auf lokaler, regionaler Ebene, in kleinen und mittleren Unternehmen, in Netzwerken und Kooperationen eine Vielzahl von Projekten entwickelt und gefördert werden, die in der Summe dann den großen Wandel fördern. Und anders ist das auch gesellschaftlich nicht umsetzbar.

Sie sprechen von neuen Kompetenzen die nötig sind um den großen Wandel zu vollziehen. Welche sind das und was muss passieren, um diese Kompetenzen zu verbreiten?

Innovationen werden von Menschen gemacht. Also braucht es auch Menschen, die als Treiber die große Transformation voranbringen, einzelne Personen, die Veränderungen anstoßen und voranbringen wollen. Doch wir dürfen nicht glauben, dass diese Menschen plötzlich einfach da sind. Die Transformationskompetenzen müssen zunächst entwickelt werden. Die Menschen müssen in die Lage gebracht werden, die Systeme, in denen sie agieren. – wie zum Beispiel die Mobilität, der Konsum oder das Wohnen –, zu analysieren. Sie müssen in der Lage sein, sich innerhalb dieser Systeme zu positionieren und für diese Bereiche Ziele zu definieren. Und schließlich benötigen sie die Fähigkeit, Netzwerke zu bilden. Die Akteure müssen lernen, sich in einem sich wandelnden Umfeld zu orientieren und zu bewegen, ggf. Entscheidungen schrittweise umzusetzen und nicht durch eine einzige Entscheidung von tiefgreifender Wirkung zukünftige Handlungsspielräume vorzeitig zu verschließen. Es gilt, in kleinen Schritten Wege zu finden, komplexe und dynamische Situationen durch viele kleine Maßnahmen zu gestalten. Dabei müssen die Akteure in der Lage sein, ihre eigenen Konzepte und Prozesse den sich immer wieder verändernden äußeren Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren anzupassen. Ein gutes Mittel zur Herausbildung praktischer Transformationskompetenzen ist die Arbeit an konkreten gesellschaftlichen und auch lokalen Herausforderungen, die problemorientiert und nicht angelehnt an die Wissenschaftsdisziplinen definiert werden. Wie kann die Energiewende in der Stadt Frankfurt gelingen? Welche Maßnahmen kann die Stadt Frankfurt gemeinsam mit den Bürgern angehen? Wie können Stoffströme in der Chemieindustrie besser genutzt werden? Hierzu haben wir verschiedene Doktorandensommerschulen in Frankfurt konzipiert und durchgeführt (http://www.ckic-phd-ffm.net/).

Wie bereiten Sie am Zentrum für Industrielle Nachhaltigkeit an der Provadis Hochschule Ihre Absolventen für die Transformation vor?

„We make knowledge work“ – wir bringen Wissen zur Anwendung – mit diesem Fokus arbeiten wir. Welche Innovationspotentiale gehen von dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung aus? Wie können Unternehmen und Individuen die gesellschaftliche Transformation zur Nachhaltigkeit konstruktiv mitgestalten? Welche Kompetenzen werden benötigt? An diesen Fragen arbeiten wir gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlicher Hand. Die Inhalte bringen wir zum einen in die Hochschullehre ein und führen anwendungsorientierte Forschungsprojekte durch. Und zum anderen führen wir zusätzlich gemeinsam mit Climate-KIC eine Vielzahl an Aktivitäten durch: In unseren Veranstaltungen haben wir in den Jahren 2016 und 2017 mehr als 1.000 Personen aus dem In- und Ausland begrüßen dürfen. Wir haben den Climate Innovation Summit für Climate KIC im Jahr 2016 ausgerichtet, wir führen eine Vielzahl an Professional Education-Kursen zum Beispiel zum Thema Kreislaufwirtschaft durch und arbeiten an dem Thema der Kompetenzzertifizierung in dem Projekt Certified Professional. Im Jahr 2017 haben wir die Doktorandensommerschule zum Thema „Innovationen in der Chemie“ gemeinsam mit der Chalmers University für Climate-KIC organisiert. Europaweit haben wir gut 100 Start-ups im Cleantech-Bereich im Rahmen des Climate KIC Accelerators gefördert. Eine große Stärke des Zentrums liegt darin, unterschiedliche Perspektiven auf das Thema der nachhaltigen Entwicklung von Industrie und Gesellschaft zusammenzubringen.

Welchen Ratschlag geben Sie jungen Entrepreneuren im Bereich der Nachhaltigkeit mit auf den Weg?

Zunächst freue ich mich über das Interesse und bestärke sie in der Entscheidung. Zwischen 2006 und 2013 gab es allein in Deutschland rund 170.000 grüne Gründungen, die über eine Million Arbeitsplätze geschaffen haben. 4 von 5 grünen Gründungen bieten Lösungen für den Klimaschutz. Mit einem Gesamtanteil von 11 Prozent an allen Gründungen zwischen 2006 und 2013 sorgen grüne Gründungen umgekehrt für eine hohe Gründungsdynamik. Anschließend frage ich, ob es für die angebotene Lösung einen Bedarf gibt. Viele Start-ups scheitern, weil sie auf keinen Bedarf stoßen. In Frankfurt mit Sitz am Industriepark Höchst laden wir die technologieorientierte Start-ups auch immer zum Austausch mit der Industrie ein. Dort kann dann der Bedarf schnell identifiziert werden. Wir nennen das dann „bedarfsorientiertes Gründen“. Und schließlich frage ich, wie das Thema Nachhaltigkeit im Geschäftsmodell verankert ist. Welche Indikatoren werden genutzt? Wie ist der Umweltfußabdruck der angebotenen Leistung? Ist immer klar, welche Umweltindikatoren die potenziellen Kunden berücksichtigen? Geht es den potenziellen Kunden um die Reduzierung des CO2-Ausstosses, die Reduzierung der Energiekosten oder um die Wasserqualität? Hier muss dann sichergestellt werden, dass der Begriff Nachhaltigkeit kein inhaltsleeres „Buzz-Word“ ist. Und zu guter Letzt lade ich die Entrepreneure ein, sich bei uns einzubringen. Das EU-finanzierte Climate-KIC Accelerator Intensiv-Programm unterstützt Start-up Unternehmen im Cleantech-Bereich wirkungsvoll. Es bietet exzellente Möglichkeiten, eigene, innovative und umweltfreundliche Geschäftsideen zu entwickeln, schnell und professionell den Markt zu erschließen sowie Landesgrenzen zu überwinden. Bei diesen Herausforderungen werden die Teilnehmer professionell unterstützt. Sie erhalten finanzielle Leistungen, individuelles Coaching und Mentoring, Zugang zu nationalen (Berlin und München) und potenziellen internationalen Start-up-Workshops in Europa sowie zu dem leistungsfähigen Climate-KIC Netzwerk.

Prof. Dr. Hannes Utikal

Prof. Dr. Hannes Utikal

Prof. Utikal leitet das Zentrum für Industrie und Nachhaltigkeit – kurz ZIN genannt – mit Sitz am Industriepark Höchst, einem Standort des Wandels mit mehr als 150-jähriger Industriegeschichte. Das ZIN ist Teil der Provadis-Hochschule, die mit mehr als 1300 Studierenden auf duale und berufsbegleitende Bachelor- und Masterstudiengänge spezialisiert ist. Das ZIN versteht sich als „Zukunftslabor“ für eine nachhaltige Industrie.