Sabine Nallinger ist seit September 2014 Vorständin der Stiftung 2° – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz in Berlin. Im Interview mit Climate-Kic erklärt sie, warum sich Klimaschutz für die deutsche Industrie lohnt, wie Gründer und etablierte Unternehmer voneinander lernen und für welche Energie-Herausforderung es dringend Lösungen braucht.

Liebe Frau Nallinger, in der Stiftung 2° setzen sich namhafte Unternehmer wie unter anderem Michael Otto oder Rüdiger Grube für den Klimaschutz ein. Welche sind konkrete Argumente dafür, dass es sich für ein deutsches Unternehmen wirtschaftlich lohnt, klimaschonend zu produzieren und zu handeln?

Die Unternehmen, die in der Stiftung 2° zusammengeschlossen sind, haben die großen wirtschaftlichen Chancen erkannt, die im Klimaschutz liegen. Nach dem viel gefeierten Klimaabkommen von Paris 2015 mit seinem großen Committment der Nationen ist die Marschrichtung doch vollkommen klar: Die Dekarbonisierung der Wirtschaft wird kommen – sie muss kommen, wenn wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahren, die Ressourcen schonen und die globale Erderwärmung auf deutlich unter 2° Celsius begrenzen wollen. Die Art unseres Wirtschaftens und die Unternehmen als Akteure spielen hierbei eine zentrale Rolle

Die Unternehmen der Stiftung 2° wollen das Heft des Handelns in der Hand halten und diesen großen Modernisierungsprozess, in dem wir uns gerade befinden, mit den richtigen Geschäftsmodellen, Produkten, Fertigungsprozessen und Investitionen gestalten, vorantreiben und nutzen, statt später zum Beispiel aufgrund von regulatorischen Vorgaben in hektische Anpassung zu verfallen. Umgekehrt brauchen sie von der Politik die richtigen Rahmenbedingungen, um zum Beispiel Wettbewerbsnachteile für einzelne Unternehmen zu nivellieren und Investitionssicherheit zu haben – das fordern unsere Unternehmen im Dialog mit der Politik auch aktiv ein.

Vom BDI oder auch vom Wirtschaftsrat der Union waren nach dem Gipfel in Marokko und dem Entwurf zum „Klimaschutzplan 2050“ Stimmen zu hören à la „Solche Pläne führen die De-Industralisierung Deutschlands herbei“. Was halten Sie von solchen Aussagen?

Deutschland ist ein Land der Autoindustrie, des Maschinenbaus und auch der energieintensiven Pharmazeutik und Chemie, Metallerzeugung und –verarbeitung – alles keine Branchen, die aus sich heraus an Nachhaltigkeit und Klimaschutz denken lassen. Die Frage der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wird sich aber gerade daran entscheiden, ob wir als Exportnation die richtigen Produkte und Prozesse für einen dekarbonisierten Weltmarkt anbieten werden. Ohne Frage befinden wir uns mitten in einem großen Umwälzungsprozess. Es hilft aber sicherlich nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Sehen Sie sich doch mal analog die aktuellen Diskussionen um die Zukunft der Automobilindustrie an. Hier muss es uns doch darum gehen, vorne mit dabei bei der Elektromobilität zu sein. Als Trendsetter bei Innovationen und als Wirtschaftsstandort, wo E-Autos zu Massenprodukten werden. Der deutschen Autobranche darf es nicht so ergehen wie Teilen der Energiewirtschaft, wo strukturelle Umbrüche zu spät erkannt wurden. Es gilt, die Voraussetzungen für die 2°-Wirtschaft jetzt zu schaffen – und zwar branchenübergreifend.

Glauben Sie, dass die Mehrheit der deutschen Unternehmer immer noch der Meinung ist, dass sich Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz nicht vereinen lassen?

Beim Klimaschutz dürfe die deutsche Industrie den Anschluss nicht verpassen , so Sabine Nallinger.

Ganz im Gegenteil: Die Allianz derjenigen, die die großen wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes sehen und für sich nutzen wollen, wächst kontinuierlich. Auch bei meinen zahlreichen Gesprächen mit Vertretern aus der Wirtschaft erlebe ich große Offenheit und Annäherung dem unternehmerischen Klimaschutz gegenüber.

Bei uns in der Stiftung 2° wird es jetzt ganz konkret: Wir haben Ende 2016 das Projekt „Weg in die <2°-Wirtschaft“ gemeinsam mit dem WWF gestartet. Wir schaffen damit für Entscheider und Experten aus Unternehmen verschiedener Branchen auch weit über den Fördererkreis der Stiftung hinaus einen Wirkungsraum, um bestehende Strukturen und Prozesse in Frage zu stellen und in einem kreativen Prozess innovative Produktentwicklungen sowie neuartige und transformative Projekte für ihre Unternehmen und Branchen anzustoßen. Ziel ist, die Unternehmen als zentrale Akteure des Klimaschutzes branchenübergreifend an einen Tisch zu bringen und neue Formen der kooperativen, lösungsorientierten Zusammenarbeit über die Unternehmensgrenzen hinweg zu aktivieren. Die Transformation hin zu einer 2°-Wirtschaft ist auch ein kollektiver Prozess.

Sind die Industrien anderer Länder bei diesem Thema fortschrittlicher als Deutschland?

Mit der Energiewende hat Deutschland eine nicht zu unterschätzende Pionierarbeit geleistet. Klar, es hakt auch – bei den Netzen, bei Kosten und Strompreisen, mitunter bei der Akzeptanz. Aber im Großen und Ganzen ist Deutschland hier vorangegangen. Es ist jetzt wichtig, den Anschluss nicht zu verlieren: Denn auch andere Länder bewegen sich und haben die Chancen des Klimaschutzes für sich entdeckt. In Norwegen sollen ab 2025 nur noch Neuwagen mit Elektromotor zugelassen werden. China will in diesem Jahr ein nationales Emissionshandelssystem einführen und hat zur Verabschiedung des Paris-Abkommens eine Selbstverpflichtung unterschrieben, bis 2030 die CO2-Intensität der chinesischen Wirtschaft im Vergleich zu 2005 um 60 bis 65 Prozent zu senken. Bei uns hingegen gewinnt man hin und wieder den Eindruck, dass manche Unternehmen an alten Geschäftsmodellen, Prozessorganisationen und Denkstrukturen kleben. Ich bin der Meinung: Da geht noch was, und wir müssen aufpassen, dass andere uns nicht den Rang ablaufen.

Wir bei Climate-KIC freuen uns immer wieder darüber, dass es Start-ups gibt, die mit unterschiedlichsten Ideen zu mehr Klimaschutz beitragen wollen und daraus ein Geschäftsmodell machen. Bekommt man bei Ihnen in der Stiftung mit, wie viel sich in der grünen Start-up Szene bewegt?

Natürlich beobachten wir die aktive Start-up Szene, ihre Ideen und Entwicklungen mit Spannung. Die Stiftung 2° ist seit dem letzten Jahr auch Netzwerk- und Kooperationspartner des Startup Energy Transition Awards, ein internationaler Wettbewerb für Start-ups. Ähnlich wie beim Accelerator-Programm von Climate-Kic ist das Ziel dieser Initiative nicht nur, Start-ups für ihre innovative Arbeit auszuzeichnen, sondern auch ein Netzwerk und eine Plattform zu schaffen, auf der Start-ups und etablierte Unternehmen zusammentreffen können.

Gab es ein Start-up, gerne auch aus dem Ausland, das Sie mit seiner Idee besonders vom Hocker gehauen hat und wenn ja, warum?

Ich bin ja von Haus aus Stadtplanerin und das Thema klimafreundliche Mobilität hat mich schon immer beschäftigt und fasziniert. Bei den Stadtwerken München habe ich zuletzt die Gesamtkoordination Elektromobilität geleitet. Ein herausstechendes Beispiel bei diesem Thema ist für mich das Start-up The Mobility House. Es sorgt zum einen für die Ladeinfrastruktur zu Hause für die Besitzerinnen und Besitzer von E-Autos. Zum anderen sorgt das System für Netzstabilisierung: Die Speicherkapazität der Fahrzeuge wird nämlich gleichzeitig dazu genutzt, Unter- oder Überproduktionen auszugleichen, indem sie sowohl in ein Smart Home System integriert sind, als auch ins öffentliche Stromnetz als Schwarmspeicher. Das hilft gleichzeitig den Nutzern und der Energiewende.

Inwiefern können etablierte Unternehmer gerade beim Thema klimaschonende Alternativen von „den Neuen“ lernen?

Beide Seiten haben Stärken, die sich gut ergänzen: Die Unternehmen haben belastbare, gewachsene Strukturen und Geschäftsmodelle, die Start-ups bringen Innovations- und Erfindergeist, Pragmatismus und Begeisterung für neue, kreative Lösungen mit. Für mich sieht das wie eine Win-Win-Situation aus.

Findet genug Austausch zwischen etablierten Unternehmern und jungen Gründern statt?

Ich bin überzeugt, dass es bei der derzeitigen Dynamik und beim Tempo der Entwicklung gar nicht genug Austausch geben kann. Aber das ist ja auch der Grund, warum namhafte größere deutsche Unternehmen Labore für Start-ups betreiben und selbst für den Austausch sorgen. Ich bin überzeugt, dass dies stark zunehmen wird. Umso besser, dass es Initiativen wie den Startup Energy Transition Award gibt. Dort ist auch ein Tech Festival und eine Matching Platform geplant, um die vielversprechenden Start-ups mit den Unternehmen zusammenzubringen.

Unsere Start-ups stellen des Öfteren fest, dass sie zwar attraktive klimaschonende Alternativen entwerfen, diese jedoch nur selten das Interesse der etablierten Industrie wecken. Eine Umstellung der Logistik beispielsweise oder auch die Benutzung eines alternativen Baustoffes seien einfach mit zu hohen Kosten verbunden, argumentieren viele Unternehmer. Was meinen Sie dazu?

Da gibt es sicherlich kein Patentrezept für den Erfolg. Unternehmen haben natürlich gewachsene und etablierte Strukturen und Prozesse, und wir wissen alle, dass die Veränderung solcher Strukturen mühevoll, zeit- und kostenintensiv sein können. Ich kann jungen Unternehmern und Start-ups nur raten, sich nicht frustrieren zu lassen und beharrlich zu bleiben. Das braucht natürlich Ausdauer, Kraft und Geduld – es kommt bei der Dekarbonisierung der Wirtschaft aber auch auf ihre innovativen Ideen an.

Kommen wir zu der Verantwortung der Verbraucher: Bestehen diese schon ausreichend auf ökologische Alternativen und sind im Zweifelsfall auch bereit, für diese mehr zu zahlen?

Ich möchte da ungern verallgemeinern. Ich denke, dass Nachhaltigkeit für viele Verbraucherinnen und Verbraucher ein immer wichtigerer Aspekt ihrer Konsumentscheidung ist und sich dieser Trend fortsetzen wird. Umgekehrt ist es bei der unüberschaubaren Anzahl von Zertifikaten und Produktversprechen für Verbraucher auch nicht immer leicht, die wirklich nachhaltige Kaufentscheidung zu treffen. Hier gibt es großes Potential bei der Verbesserung der Produktinformationen und einer Vereinheitlichung der Zertifizierungssysteme durch unabhängige Stellen. Ansonsten denke ich, dass es ganz günstige Bedingungen für den Trend nachhaltigen Konsums gibt: Viele nachhaltige Produkte haben ihr Wollsocken-Öko-Image komplett abgelegt und höhere Preise rechtfertigen sich nicht mehr ausschließlich über den Aspekt der Nachhaltigkeit, sondern auch über Produktnutzen und -Design.

Geben Sie unseren Start-ups bitte einen Tipp: Was ist eines der drängendsten Probleme im Umweltschutz, für das es dringend eine Lösung braucht?

Da ist sicherlich zum einen die Frage der Energiespeicherung, die sich immer drängender stellt; außerdem haben wir immer noch den großen Bereich Mobilität, und in diesem Sektor wurden die Hausaufgaben einfach noch nicht gemacht. Hier sehe ich perspektivisch weiter ein großes Betätigungsfeld für Start-ups.

Sabine Nallinger ist seit September 2014 Vorständin der Stiftung 2° – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz in Berlin. Als studierte Stadt-, Verkehrs- und Umweltplanerin arbeitete Sabine Nallinger 20 Jahre lang in wissenschaftlichen und praxisorientierten Projekten an zukunftsweisenden Konzepten für Großstadträume, umweltverträgliche Regional-, Stadt- und Verkehrsplanung sowie Mobilitätsmanagement.