Wenn zu viele den Geldwert von Kohle-, Öl- oder Gasgeschäften überschätzen, dann droht ein gewaltiger Wertverlust. Warnungen vor einer solchen “Carbon Bubble” – zu deutsch “Kohlenstoffblase” – verbreiten Nervosität. Mit dem in Paris beschlossenen Klima-Abkommen ist die finanzielle Entwertung fossiler Ressourcen wahrscheinlicher geworden.

Die Sorge um Geld ist eine mächtige Triebfeder, die dem Klimaschutz dann dienen kann, wenn dieses Geld abgezogen wird. Andere divestieren ihr Geld aus ethischen Überzeugungen. Blöd ist nur, wenn man gar nicht weiß, was mit dem eigenen Geld geschieht. Anonymität ist doch der Grundzustand vieler Finanzprodukte. Oder wissen Sie wirklich, was mit Ihrem Geld gemacht wird?

Divestment setzt Transparenz voraus

Susan DreyerDiesem Problem stellt sich das Climate-KIC Projekt “ClimPax”. Darüber habe ich mit Susan Dreyer gesprochen, die bei CDP Europe (ehem. Carbon Disclosure Project) als Direktorin die DACH-Region (Deutschland, Österreich und Schweiz) leitet.

“Wir begrüßen den Divestment-Trend grundsätzlich, weil dieser die Großproblematik des Klimawandels in die Sprache des Finanzmarktes übersetzt.”

ClimPax will 30.000 Publikumsfonds vergleichbar machen. Dafür wird eine Ratingmethode von Publikumsfonds nach Klimaauswirkung entwickelt. In zweieinhalb Jahren soll ihr Bankberater eine Antwort auf die Frage haben können, ob Ihr Geld dem Klimaschutz hilft oder eher schadet, und somit auch, wie Sie sich aus fossilen Energiegeschäften zurückziehen können. In die Methodik soll auch die Liste “Carbon Underground 200” einbezogen werden. Den Fonds, die Anteile an diesen 100 Öl- und Gas- oder 100 Kohleunternehmen halten, sollen Punkte abgezogen werden.

Direktor Malte SchneiderMalte Schneider, Direktor von Climate-KIC Deutschland, vergleicht ClimPax gerne mit der Lebenszyklus-Analyse für Produkte:

“ClimPax zeigt uns allen, was für eine Wirkung unser Erspartes eigentlich entfalten kann, im Guten wie im Schlechten. Diese Transparenz wird, davon bin ich überzeugt, einen weiteren wichtigen Hebel für jeden einzelnen von uns freilegen.”

Europas Kleinanleger halten satte 24% der Geldanlagen, die nun aus Klimaschutzgesichtspunkten transparent werden sollen. Dabei ist es ganz egal, ob sie dies mehr aus Sorge vor Klimafolgen oder wegen der Kohlenstoffblase wissen wollen. Mit dem Wissen kann ein wichtiger Teilbeitrag zum Divestment geleistet werden.

Der Informationsbedarf besteht in allen Sektoren. So sieht dies Malte Schneider, der bei Climate-KIC ebenfalls Direktor des europäischen Themenbereiches Decision Metrics & Finance ist:

“Mit dem Themengebiet Decision Metrics und Finance wollen wir bei Climate-KIC sektorenübergreifend neue Entscheidungsgrundlagen und Finanzinstrumente schaffen, die die Skalierung oft schon bestehender innovativer Lösungen in der notwendigen Geschwindigkeit und Dimension vorantreibt.”

Zu diesem Ergebnis ist auch ein Gremium der Europäischen Zentralbank gekommen. So soll durch Information einer dauerhaften Wirtschaftskrise vorgebeugt werden, die bei unzureichendem Klimaschutz durch Wirtschaft und Politik drohen würde. Die Abhängigkeit des europäischen Finanzsystemes von Konzernen, die ihr Geld mit fossilen Rohstoffen verdienen, sei laut dem Bericht der Süddeutschen Zeitung zu groß:

Banken, Versicherer und Pensionsfonds seien im Umfang von etwa einer Trillion Euro mit Unternehmen verflochten, die Kohle, Öl oder Gas fördern. Um die Systemrisiken zu mindern, schlägt das Gremium nun vor allem mehr Information vor.

Wird die Kohlenstoffblase platzen?

Ich wage keine Prognose.

Kürzlich horchte ich auf, als ARD-Börsenkorrespondentin Anja Kohl über die Zahlen der Fossil Free Bewegung berichtete. Die Anzahl der Divestment-Absichten stieg von 2014 auf 2015 um den Faktor 70. 504 Organisationen wollen bereits 3,4 Billionen US-Dollar abziehen.

Darunter war im letzten Jahr der größte Staatsfonds der Welt. Der norwegische Pensionsfonds hatte beschlossen, zukünftig nicht mehr in Kohlekonzerne zu investieren. Dieser, Divestment genannte, gezielte Abzug von Kapital aus fossilen Energieträgern ist kein Einzelfall. Auch die AXA-Versicherungsgruppe möchte ihre Investitionsstrategie entsprechend anpassen, und die Bundesregierung sieht einen Prüfbedarf zu den „Risiken aus dem Engagement in fossile Energieträger“.

Soll die Klimaerwärmung auf 2°C begrenzt werden, können etwa 80 Prozent der bekannten Vorkommen von Erdgas, Kohle und Erdöl nicht mehr verbrannt werden. Unternehmen, die diese Reserven bereits in ihren Bilanzen verbucht haben, würden schlagartig an Wert verlieren. Auch Anleger, darunter viele öffentliche Einrichtungen, müssten große Verluste hinnehmen.

Fest steht auch, dass man sich in Paris geeinigt hat, die Klimaerwärmung auf deutlich unter 2°C, möglichst sogar 1,5°C zu begrenzen. Sollte man es damit ernst meinen und die Staaten, wie im Vertrag vereinbart, alle fünf Jahre neue Reduktionsziele verkünden, würde das die Menge der noch nutzbaren fossilen Rohstoffe weiter reduzieren.

Würde eine geplatzte Kohlenstoffblase das Klima retten?

Ganz so einfach ist es nicht. Eine geplatzte Kohlenstoffblase und auch massives Divestment schalten nicht automatisch alle Kohlekraftwerke ab, stoppen nicht alle Pipelines und verschrotten auch nicht alle fossil angetriebenen Autos, Flugzeuge und Schiffe. Um das Klima vollständig zu retten, müssten alle Menschen ihr Geld von klimaschädlichen in klimafreundliche Geschäfte verschieben.

Susan erklärte mir:

“So lange es Investoren gibt, die nicht an den Klimawandel glauben, könnten Kohlekraftwerke einfach an diese verkauft werden und so weiterbestehen. Bei hohen Öl- und Kohlepreisen könnten die Unternehmen auch aus dem eigenen Cashflow heraus überleben. In beiden Fällen ist dem Klima nicht geholfen.”

Was bringt denn dann ein Rating?

“Vom Rating haben viele etwas: Privatanleger können dann wissen, wie sie etwas Gutes fürs Klima tun können. Studien zeigen auch, dass Unternehmen langfristig selbst mit einem sauberen Portfolio besser abschneiden. Der Bankberater kann das Thema in Beratungsgesprächen besser präsentieren und erklären. Die Banken können bei Fondsselektoren diesen relevanten Faktor in die Vorauswahl der Fonds für ihre Filialen und Verkäufer einbeziehen. Der Fondsmanager bekommt einen Anreiz, in ein klimafreundliches Unternehmen zu investieren. Und so erhalten schlussendlich die Unternehmen einen finalen Anreiz, bessere Klimastrategien aufzusetzen, die letztendlich das Klima retten.”

Divestment setzt Zeichen

Wirksamer Klimaschutz besteht aus einer Vielzahl von “Sowohl-als-auch”-Lösungen. So ist auch das Divestment ein starkes Zeichen.

Die Signalwirkung hebt Susan hervor:

“Überhaupt nicht mehr in fossile Energieträger zu investieren ist schon ein starker Schritt. Der viel größere Benefit liegt für uns aber im grundsätzlichen Bewusstseinswandel.”

Wer sein Geld bewusst abzieht und zugleich in Cleantech investiert, der macht seinen Einfluss geltend. Nur Menschen mit einem Gefühl der Selbstwirksamkeit können etwas bewegen.

Malte Schneider warnt davor, eine unternehmerische Grundlage des Klimaschutzes zu übersehen:

“Das Divestment halte ich für einen ungemein wichtigen Trend. Allerdings müssen wir natürlich auch weiterhin an der Entwicklung von innovativen Lösungen arbeiten, auch für und mit Firmen, die sich verbessern müssen. Letztendlich kann sich die Wirtschaft nicht über Nacht ändern, sondern echte Alternativen müssen geschaffen werden.”

Ich finde die positive Selbstverstärkung besonders interessant, die aus der Motivallianz erwächst. Wer zugleich Sorge um sein Geld hat und dabei auch noch das Gefühl hat, etwas Gutes und Richtiges zu tun, der mag divestieren. Je mehr divestieren, desto eher platzt die Kohlenstoffblase. Mit diesem Risiko steigt wiederum die Anzahl derer, die aus Sorge divestieren.

In dieser Sprache kann in der Tat Gehör in der Finanzwelt geschaffen werden.